Eine Weihnachtsgeschichte

Veröffentlicht auf von Schütgens, Angelika (Blaufedermond)

Elli Elch

Elli Elch

Elviras Fallschirmsprung

 

Gelangweilt stand Elvira Elch ganz allein im Wald zwischen den hohen dunklen Tannen und knabberte etwas Rinde. "Ganz schön öde hier allein herumzustehen!", dachte sie so bei sich, während sie die Umgebung einmal genauer betrachtete. Bäume, Bäume, Bäume und nichts als Bäume um sie herum. Liefe sie geradeaus käme sie an eine Lichtung, nach deren Überquerung sie wieder zwischen hohen dunklen Tannen stünde. Lief sie nach links, käme sie nach wenigen hundert Metern an einen hohen Zaun, der das Weiterkommen verhindern würde, lief sie nach rechts so käme sie bald an den Fuß eines steilen Berges. Ein Stück weit könnte sie ihn mühelos hinaufklettern, aber danach würde es zu beschwerlich. Das alles hatte sie schon ausgekundschaftet. Wohin sie sich auch wand, es versprach alles keine großartige Zukunft. Zurück konnte sie auch nicht, denn dann müsste sie wieder am Jagdhaus vorbei und das erschien ihr auch nicht sinnvoll zu sein. Möglicherweise hätte sie diesmal kein Glück und der Jäger würde sie entdecken. Das wollte Elvira auf keinen Fall riskieren. Sie konnte sich nicht recht entscheiden, zwei mögliche Wege hatte sie zur Auswahl, den schwierigen über den Berg und den Weg über die Lichtung, beides war nicht besonders verheißungsvoll. Sie beschloss ein wenig auszuruhen, um in Ruhe darüber nachzudenken. Das Elchmädchen suchte sich ein kuscheliges Plätzchen unter einer hohen Tanne und machte es sich auf einem herrlichen weichen Nadelbett bequem. Der Waldboden war so weich, so gemütlich und so dauert auch nicht lange bis ihre Augen schwer wurden und sie in einen tiefen Schlaf fiel.


Alles um Elvira herum war weiß. Es war Schnee gefallen. Vorsichtig setzte sie einen Huf vor den anderen und lief über die weite weiße Fläche. Die kleinen Schneekristalle funkelten wie winzige Diamanten im Mondlicht. Sie zog einen schweren Schlitten und ab und zu hörte sie hinter sich jemanden "Ho-ho-ho!" rufen. Immer wenn sie an einem der weit verstreut liegenden Blockhäusern vorbei kamen stoppten sie kurz. Jedes Mal stieg der Weihnachtsmann vom Schlitten und brachte ein hübsch verpacktes Geschenk ins Haus, anschließend setzten sie die Schlittenfahrt fort. Elvira musste sich mächtig anstrengen, um durch den tiefen, weichen frisch gefallenen Schnee zu stapfen, aber an eine Pause war nicht zu denken. Es mussten noch viele bunte Päckchen verteilt werden. Sie schienen gar nicht weniger zu werden. Je länger Elvira den Schlitten zog, um so schwerer erschien er ihr, aber sie lief und lief, solange, bis ihre Hufe ihr nicht mehr gehorchen wollten und sich einfach nicht mehr von der Stelle bewegten. Das bemerkte auch der Weihnachtsmann. "Bist du müde, Elvira? Sollen wir eine kurze Rast machen?" Dankbar nickte sie. Der Weihnachtsmann stieg vom Schlitten und schirrte sie aus, damit sie sich etwas hinlegen konnte. Er selbst setze sich auf ein dickes Fell direkt neben sie.


"Es ist jedes Jahr das Gleiche", begann der Weihnachtsmann, "diese eine Nacht ist viel zu kurz. Wir sollten darüber nachdenken sie zu verlängern. Die schlafenden Menschen würden es gar nicht bemerken. Aber bisher haben wir es immer geschafft alle Pakete rechtzeitig zu verteilen. Was wäre denn dein größter Weihnachtswunsch?", fragte er Elvira. Von dieser Frage überrumpelt, dachte Elvira eine Weile nach, während sie den sanft fallenden weichen Schneeflöckchen nachsah, die gleichmäßig vom Himmel fielen. An ihre schweren müden Hufe denkend, seufzte Elvira tief: "Ach, ich möchte einmal ein schickes buntes Kleid tragen und nicht immer nur im braunen Fell herumlaufen. Außerdem würde ich gern so leicht schweben können wie diese Schneeflocken hier. So sanft und leicht durch die Luft schaukeln und auf die verschneite Erde hinunter sehen können, das muss wunderschön sein!" "Das ist ein ungewöhnlicher, schwieriger, aber auch ein schöner Wunsch Elvira. Das Kleid ist kein Problem, in einem Päckchen ist ein hübsches Kleid, aber leider hast du keine Flügel. Ich kann dir auch keine geben, die dich tragen würden." Jetzt dachte der Weihnachtsmann eine Weile nach. Plötzlich sprang er auf, rieb freudig seine Hände aneinander, die in dicken roten Fausthandschuhen steckten und rief: "Heureka, ich habs! Du sollst deinen Flug bekommen!" Er nestelte eine Weile an seiner großen roten Bommelmütze herum, die er sich für diese Nacht vom Nikolaus geliehen hatte. Anschließend setzte er sie Elvira auf, befestigte die Mütze mit langen Bändern um ihre Vorderhufe, schnippte einmal mit den Fingern und gab ihr folgende Anweisungen: "Also, hör gut zu, wenn du genug gerastet hast, dass deine Hufe dich wieder tragen, dann läufst du den Hügel hinauf. Bist du oben, drehst du dich um und läufst so schnell du kannst diesen Hügel wieder hinunter." Er deutet mit der Hand auf einen vor ihnen liegenden kleinen Hügel. "Wenn du ungefähr in der Mitte bist, dann machst du einige Hopser, so dass der Wind unter die Bommelmütze greifen kann und dann fliegst du einfach ein Stück!" Elvira hatte große Zweifel ob das funktionieren würde, aber schließlich sagte das der Weihnachtsmann. Mehr als nach einem Hopser in tiefen dicken Schnee zu plumpsen konnte ihr kaum passieren. Einen Versuch war es wert. Sie sah an sich herunter und staunte. Oh Wunder, sie trug ein wunderschönes Kleid. Wie hatte der Weihnachtsmann das gemacht? Sie hatte ihm so aufmerksam zugehört, dass sie den Zauber gar nicht bemerkt hatte. Es sah ein bisschen seltsam aus, ein Elch mit einem Kleid, aber sie hatte es sich so gewünscht. Manchmal haben auch Elche seltsame Wünsche.

 

Elvira begann den Hügel hinauf zu laufen. Oben angekommen drehte sie um, verschnaufte einen Augenblick und rannte schneller und schneller den Hügel wieder hinunter. Während sie lief und der Weihnachtsmann ihr nachschaute murmelte er: "Flitze Mütze, segel sacht, durch die Lüfte in der Nacht!" Als Elvira ungefähr in der Mitte des Hügels angekommen war, nahm sie ihren ganzen Mut zusammen, löste ihre Vorderhufe vom Untergrund und hüpfte so hoch in die Luft wie sie nur konnte. Und tatsächlich spürte sie einen festen Ruck als der Wind unter die Mütze pfiff und sie hoch hob. Er trug sie ein gutes Stück in den Himmel hinauf, bevor sie begann langsam wieder zur Erde hinunter zu schweben. In ihrem bunten Kleid, das sich im Wind bauschte wie ein Fallschirm, segelte Elvira an der leuchtend roten Bommelmütze des Nikolauses sanft, wie eine große bunte Schneeflocke, den weiß bedeckten Tannenspitzen entgegen. Sie konnte sich an dem wunderschönen Anblick der verschneiten Landschaft kaum satt sehen. Von hier oben sah alles ganz anders aus. Selbst jetzt, mitten in der Nacht, war das Mondlicht hell genug, um den Schnee glitzern zu lassen. "Danke, danke, danke, das ist soooo schön", jauchzte Elvira voller Freude. Kurz darauf berührte sie auch schon mit ihren Hinterhufen die ersten Tannenspitzen und landete kurz darauf mit einem sanften Ruck und Plumps auf einer großen funkelnden Lichtung. Ein paar Tannenzapfen prasselten ihr auf den Kopf, denn auch die Mütze hatte beim Landen die Tanne gestreift.

 

Plopp – plopp – plopp fielen Zapfen auf ihren Kopf und Elvira schüttelte sich etwas. "Was machst du denn hier?", fragte ein kleines fast schwarzes Eichhörnchen. Es hatte einen dicken buschigen Schwanz und saß auf dem untersten Ast der Tanne. Etwas benommen schaute Elvira noch oben. "Ich glaube ich bin eingeschlafen. Grade noch habe geträumt ich wäre vom Himmel geschwebt und du hast mich aus diesem schönen Traum aufgeweckt mit deinem Tannenzapfen-weitwurf. Was soll das überhaupt?" „Du hast lange geschlafen und der Morgen graut bereits. Der Jäger ist schon unterwegs, ich wollte dir nur sagen, dass es besser wäre, wenn du tiefer in den Wald gehst, bevor er dich hier findet!" "Oh, das ist sehr lieb von dir. Danke schön, ich werde mich besser schnell auf den Weg machen, obwohl ich gern noch ein wenig weiter geträumt hätte!" Elvira erhob sich, winkte dem netten Eichhörnchen noch einmal zu und schaute in die Runde, um sich jetzt zu entscheiden welche Richtung sie einschlagen sollte. Zurück war ausgeschlossen, der Zaun links auch nicht ratsam, der Berg rechts immer noch sehr schwierig, also blieb nur geradeaus übrig. Das war der Weg zur Lichtung und hinüber in den nächsten Wald. Sie bedankte sich noch einmal bei dem netten Eichkätzchen, auch wenn es sie sicher etwas sanfter hätte wecken können. „Danke dir und Tschüss, mach es gut!“ rief sie und trabte los.


Je weiter und länger sie lief, um so kälter wurde es. Plötzlich fielen sanfte Schneeflocken vom Himmel. Elvira hörte ein leises Klingeln und ein tiefes: "Ho-ho-ho", als der Weihnachtsmann hinter einem Baum hervor kam und sagte: "Oh, Elvira, das ist gut, dass ich dich hier treffe. Du kommst mir gerade recht. Mein Rentier ist zu müde geworden. Es fühlt sich nicht gut und muss sich eine Weile ausruhen. Ich brauche dringend jemanden der stark genug ist, um meinen Schlitten zu ziehen. Würdest du mir helfen?" „Natürlich helfe ich dir gern, damit alle pünktlich ihre Weihnachtsgeschenke erhalten“, stimmte Elvira sofort und ohne zu überlegen zu. Solange sie bei dem Weihnachtsmann war, konnte ihr der Jäger egal sein. „Das ist fein!“, freute sich der Weihnachtsmann und legte Elvira das Schlittengeschirr um. Danach drehte er sich noch einmal zu seinem treuen Rentier um, tätschelte es am Hals und sagte: „Ruh dich nur aus, Elvira und ich schaffen das schon. Wenn wir fertig sind, hole ich dich hier wieder ab.“ Anschließend bestieg er den Schlitten vor dem Elvira vor lauter Ungeduld zappelte, „Und jetzt los, die Kinder warten sicher schon. Ho-Ho-Ho!“, rief der Weihnachtsmann und ließ die Peitsche in der Luft knallen. Elvira setzte sich in Bewegung und brachte die Glöckchen zum Klingen. Niemals hätte sie geglaubt einmal den Weihnachtsschlitten ziehen zu dürfen. Sie freute sich darauf dem Weihnachtsmann zu helfen. Sie dachte kurz an ihren Traum, vielleicht würde sich auch ihr Traum vom Schweben erfüllen, nachdem sie in dieser Nacht gemeinsam mit dem Weihnachtsmann viele kleine und große Träume wahr gemacht hatten. So lief sie glücklich und zufrieden ihrer Zukunft entgegen, voller Hoffnung, einmal wie ein Schneeflöckchen zu segeln. Und möglicherweise wurde ihr Wunsch vom Weihnachtsmann erfüllt.

Veröffentlicht in Weihnachtsgeschichtee

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Sichtwiese 12/25/2015 09:06

Wunderschön ist diese hoffnungsvolle Geschichte...
Herzliche Grüsse, Sichtwiese

Schütgens, Angelika (Blaufedermond) 12/26/2015 10:06

Danke schön.

Wünsche gehen manchmal in Erfüllung, daran glauben ist Voraussetzung. :-)

Ich wünsch dir einen schönen zweiten Weihnachtsfeiertag.
Liebe Grüße,
Szintilla