Zwischentöne

Veröffentlicht auf von Schütgens, Angelika (Blaufedermond)

Zwischentöne

Zwischen schwarz und weiß gibt es jede Menge unterschiedlicher Grautöne - Zwischentöne. Nicht hierzu gehörend und auch nicht dorthin. Sie liegen dazwischen wie unausgesprochene und doch gehörte oder nicht geschriebene und dennoch gelesene Sätze. Äußerlich und oberflächlich betrachtet scheint alles klar zu sein, sich in schönster Ordnung zu befinden. Strukturen sind gegeben, Grenzen definiert, doch hinter dem Sichtbaren liegt die Zwischenwelt der Schattierungen, der Verschleierungen, der Metabotschaften. Die Welt der Grautöne, der Schleiertänze, der wabernden Realitäten, die sich aus Angst, Scham, Taktik oder Berechnung nicht offen zu erkennen geben. Dort lebt was im Scheinwerferlicht keinen Platz findet. Manchmal gelingt es mit Spiegeln Licht in die Zwischen- und Schattenwelten zu bringen und etwas nimmt Farbe an, bekommt plötzlich eine klare Gestalt und manchmal wird sein unerwartetes und plötzliches Auftauchen die klaren Strukturen der bestehenden farbigen Welt durcheinander wirbeln. Nicht offen geäußerte und gärende Konflikte entladen sich in feurigen Eruptionen, Wahrheiten zeigen sich ohne ihre verhüllenden Grauschleier, Unzufriedenheiten schlängen sich durch Lichtkanäle aus der Zwischenwelt. Vielleicht treffen wir unerwartet auf eine farbig gewordene Grauzone und werden in unseren Grundfesten erschüttert, aber oft ahnen wir auch die Realität der Zwischenwelten und verleugnen sie, weil es bequem ist, weil ein Anerkennen zu viel verändern würde. Nichts ist so wie es scheint, denn hinter sorgsam gepflegten und weiß getünchten Fassaden und hinter bunt angemalter Oberflächlichkeit, kann sich eine unsichtbare Grauton-Welt befinden, die in all ihren Zwischentönen und Zwischenräumen so vielfältig ist wie die farbige scheinwerferbeleuchtete Welt des auf den ersten Blick Sichtbaren.

Veröffentlicht in Lang gedacht - kurz gesagt

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