Glitzerhaarspray

Veröffentlicht auf von Schütgens, Angelika (Blaufedermond)

Glitzerhaarspray

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Gelegentlich finden sich beim Aufräumen Konsumleichen in den Schränken. Dinge, die irgendwann gekauft und nur einmal oder gar nicht benutzt wurden. Oft frage ich mich bei solchen Aufräumfundstücken, welchem Impuls folgend ich das Ding gekauft haben mag. In vielen Fällen kann ich mir das im Nachhinein nur mit temporärer geistiger Umnachtung erklären. Wozu um alles in der Welt habe ich einmal Glitzerhaarspray gekauft? Karneval, Kostümball?

Nein, ich erinnere mich, es war der Milleniumswechsel als ich es benutzte. Außergewöhnliche Umstände erfordern außergewöhnliche Maßnahmen, ein bisschen Glittergefunkel schien dem Anlass damals gerecht zu werden. Seitdem aber fristet die Dose Glitter-Haarspray, in einer dunklen Ecke des Schrankes, ein armseliges unbeachtetes Leben. Was tun damit? Noch einmal 16 Jahre aufheben und auf ein glitzerwürdiges Flitterereignis hoffen oder lieber doch gleich entsorgen?

Vor dem Entsorgen von Dosen mit Treibmitteln steht aber das Entleeren derselben, denn in den normalen Hausmüll dürfen sie, auch wenn nur noch teilgefüllt, nicht. Auch die einmal monatlich anlaufbare mobile Sammelstelle für Sondermüll nimmt keine treibgasgefüllten Dosen an. Also zuerst der Test: Ist nach 16 Jahren überhaupt noch Treibgas enthalten oder hat es sich schon verflüchtigt? Vorsichtig drücke ich auf den Sprühknopf – erfolglos. Er lässt sich gar nicht herunterdrücken. Ich wackle an ihm herum, drehe nach rechts und links, mit dem Erfolg, dass ich die Sprühdüse Sekunden später in der Hand halte. Langsam und mit Bedacht ein erneuter Versuch. Wieder nichts. Ich schlussfolgere: Düse verstopft, mit Glitter verklebt. Also ab mit dem Sprühknopf unter den warmen Wasserstrahl und ihn danach wieder aufgesetzt. Ich drücke erneut – vorsichtig, wohldosiert, die Düse über den Abfallbehälter haltend. Nichts tut sich – wiederholtes drehen, drücken, fluchen, schütteln, wieder drücken. Natürlich erlebe ich kurz darauf den verstopften Gartenschlauch-Effekt – irgendwann schaut man in den Schlauch und das Wasser kommt. Bei mir kommt kein Wasser. Just in dem Moment, als ich einmal nicht auf die Richtung der Sprühdüse achte, funktioniert das rachsüchtige Dosending und taucht mich in eine Wolke aus silbrig glitzerndem Flitternebel. Das gewisse technische Gegenstände ein geheimes Eigenleben führen, ist mir schon lange bewusst, dass sie aber auch rachsüchtig sind und sich für unsere menschlichen Vergehen, wie beispielsweise Nichtbeachtung, zu rächen wissen ist mir neu.

Ich schaue in den Spiegel; was ich sehe ist strahlendes Gefunkel, welches mich kurzzeitig erblinden lässt. Noch niemals war ich von mir so geblendet. Ich würde glitzertechnisch einem neuerlichen Milleniumswechsel zur Ehre gereichen. Ich fürchte nur, ich halte mich nicht solange, der Flitter aber sicher. Ich ginge glatt als Diskokugel durch.

Hätte ich das wenigstens Silvester ausprobiert, hätte ich besser damit leben können. Aber jetzt, mitten in der Woche - noch dazu anlasslos - rundherum zu funkeln, hat einen hohen Erklärungsbedarf. Sorgfältig verschließe ich die Dose in meiner Hand mit dem Deckel. Ein böses Grinsen zieht sich über mein Gesicht und mit einem Anflug von Rachsucht, stelle ich sie zurück an genau den dunklen Platz an dem ich sie gefunden habe und ich garantiere ihr, dass sie auch die nächsten 16 Jahren unangetastet dort in der stillen Ecke stehen bleibt.

Möglicherweise finde ich noch das eine oder andere Teil, das ihr im Laufe der Zeit dabei Gesellschaft leistet. Der uncoole, langsam zäh werden Nagellack, der vielleicht noch zum basteln dienlich ist oder der Tapetenkleisterrest im Marmeladenglas.

Im Moment ist das aber nur ein geringer Trost, denn um mich herum funkelt und glitzert alles, von der Haarbürste über den Mülleimer, das Handtuch bis zum Spiegel überall entdecke Silberpartikel, die kurz glitzern und aufleuchten, wenn sie ein Lichtstrahl trifft, ansonsten sind sie unsichtbar. Das Zeug werde ich so schnell nicht wieder los, das ist mit klar, denn einige dieser hinterlistigen winzigen silbrigen Partikel widersetzen sich selbst der Dusche und jeglichen anderen Entsorgungsversuchen. Ich erinnere mich, dass ich mich im zu Beginn des ersten Jahres im neuen Jahrtausend auch schon über den Silberflitter ärgerte. Es gibt Dinge, denen es gelingt eine anhaltende Freude zu erzielen, indem sie uns ungewollt auch noch ein Vierteljahrhundert nach einem Ereignis immer wieder daran zu erinnern vermögen. Ich bin sicher, auch in den kommenden zehn Jahren wird es immer wieder einmal einen Glitzerpartikel geben, der mich von irgendwo aus hämisch angrinst und mir zu flüstert: Erinnerst du dich noch an mich? Aber vielleicht taugt das Zeug auch zum Weihnachtsbasteln – ich könnte Tannenzapfen damit ansprühen. Welche Zeit taugt besser für ein bisschen Glitzergefunkel, als das kommende Ende eines Jahres?

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