Auf der Flucht vor uns selbst

Veröffentlicht auf von Schütgens, Angelika (Blaufedermond)

Auf der Flucht vor uns selbst
 
Ich habe keine Zeit! Die Tage sind viel zu kurz! Ich bekomme gar nicht alles erledigt! Ich weiß nicht wo ich anfangen soll!
Sätze, die ich immer wieder höre. Menschen sind gehetzt, getrieben, nonstop beschäftigt. Und das betrifft nicht nur die Arbeit, der sie nachgehen. Nein, auch die Freizeit ist verplant, durchorganisiert und voll gestopft mit Aktivitäten. Dem Fitnesswahn muss Tribut gezollt werden, da wird im Zeichen der Gesundheit geächzt und gestöhnt, gelaufen und sich verbogen, stundenlang, täglich. Ob mal jemand ausgerechnet hat wie viel Lebenszeit das kostet? Wenn wir dann dadurch länger leben, wie lange leben wir länger? Könnte es sein, dass wir feststellen würden, dass die Zeit, die wir mit unseren Fitnessaktivitäten verbrachten, dieselbe Zeitspanne ist? Und müssten wir uns dann nicht fragen, haben wir in dieser Zeit wirklich gelebt, geliebt, gelacht? Haben wir das Leben genossen, uns an der Natur erfreut? Füllten wir die längere Lebenszeit mit Leben oder mit Verbissenheit und Ehrgeiz? Könnte es nicht sein, dass wir mehr vom Leben hätten, wenn wir unserem Herzen folgen würden und nicht dem, was wir glauben erfüllen zu müssen, nicht dem, mit dem wir tagtäglich durch Medien gefüttert werden?
Ich will damit nicht sagen, dass wir nichts für unsere Gesundheit tun sollen, sondern dass wir genau hinterfragen: Warum tue ich das? Weil ich es will oder weil ich glaube es wollen zu müssen?
Neben der sportlichen Freizeitbetätigung steht vielleicht noch ein Ehrenamt, denn das kommt gut im Lebenslauf, man fühlt sich gebraucht, wertvoll, anerkannt, tut ein gutes Werk und befriedigt den eigenen Anspruch an sich gut dazustehen, ein guter Mensch zu sein, man knüpft Kontakte, mit denen man dann wieder Sport machen kann oder berufliche Vorteile verbindet.
Im Job wird alles gegeben, damit der Rubel rollt oder um ihn nicht zu verlieren oder gar Auftragseinbußen hinzunehmen. Eh man es glaubt, ist der Tag um. Bleibt ein Fitzelchen Zeit übrig, frisst es die Familie. Wo bleibt hier jedes einzelne Individuum? Wo bleibt der Mensch, der sich täglich für andere oder für ein Bild von sich verausgabt?
In das Hamsterrad hinein zu kommen, das geht leicht. Es passiert schleichend, ohne das es wirklich bemerkt wird, aber wieder heraus finden die Wenigsten. Menschen werden Sklaven ihrer Gewohnheiten, ihrer selbst geschaffenen Zwänge, ihrer Ansichten und ihrer Ängste. Keine Zeit zu haben ist die Falle, die wir uns selber stellen. Dabei wäre es so einfach all dem ein Ende zu setzen. Was es dazu braucht ist Mut, Mut sich selbst und anderen gegenüber und es braucht gelebte Selbstliebe.
Wer sich selbst liebt macht Schluss mit dem was ihm nicht gut tut. Es geht nicht darum viel zu tun, sondern konzentriert das Richtige. Ein Mensch der sich selbst liebt, macht Schluss mit der Wunscherfüllung anderer, mit dem Anspruchsdenken, das andere an ihn haben. Er geht nicht einer Arbeit nach nur des Geldes oder des Erfolges wegen. Er beendet die Automatismen, die ihn steuern und beendet (die von Kindheit an) von außen einprogrammierten Routinen. Er erkennt die falschen Glaubenssätze denen er blind folgt, wie: „Ohne Fleiß keinen Preis! Vor dem Spaß kommt die Arbeit! Erfolg muss man sich verdienen!“ All diesen Regeln und ungeschriebenen Gesetzen folgen wir unbewusst, deshalb können wir sie auch nicht hinterfragen. Dazu braucht es die Auseinandersetzung mit uns selbst und die Fragen: „Warum tu ich was ich tue? Will ich das überhaupt tun oder tue ich es, weil es alle machen?“ Wir müssen herausfinden, ob unser Tun im Einklang mit dem ist was wir wirklich wirklich wollen. Entspricht das, womit wir uns die Zeit vertreiben, die kostbare Zeit die wir hier haben, unserer inneren Wahrhaftigkeit? Entspricht es unserem Herzens-weg? Macht es uns glücklich? Oder tun wir es aus einer Angst heraus?
Aber haben wir Zeit dafür in unserem Alltag? Wenn wir den ganzen Tag über auf der Flucht vor uns selbst sind, um uns diese Fragen nicht stellen zu müssen, werden wir auch nichts ändern können. Wenn wir dahinter kommen welche Motivation uns treibt, was uns hetzt, sind wir auch in der Lage es zu ändern.
Was braucht es dazu? Freiräume um uns mit uns selbst zu beschäftigen. Wir müssen aufhören jede Minute unseres Lebens vollzustopfen mit Ablenkungen, damit wir mit uns in Klausur gehen können. Wir müssen aufhören neben der Arbeit – einer Arbeit, die wir hoffentlich lieben und nicht nur tun um Geld zu verdienen – die verbleibende Zeit mit Tätigkeiten zu füllen, die uns von uns weg führen und nicht zu uns hin. Wir müssen aufhören uns Berge von Arbeit und Tätigkeiten zu schaffen, nur um uns nicht fühlen zu müssen. Wir flüchten vor uns selbst, weil wir instinktiv wissen, dass wir bei genauerer Betrachtung darauf stoßen würden, dass es etwas falsch läuft. Das wir vielleicht nicht in einer Beziehung leben, die uns wirklich erfüllt, dass wir einer Arbeit nachgehen, die uns Bauchschmerzen bereitet und die wir nicht mit Freude tun, dass wir uns mit Menschen umgeben, die uns nicht gut tun. Wir würden vielleicht feststellen, dass wir nicht unserem Herzen folgen, dass wir dem Mainstream folgen, der uns unterschiedliche Dinge suggeriert, die wir tun müssen. Wir haben Angst zu erkennen, dass wir uns selbst betrügen, dass wir Abschied nehmen müssten von Gewohnheiten, Bequemlichkeiten, Sicherheiten, Lebensstil, Job, möglicherweise sogar von Menschen. Aber statt ehrlich mit uns zu sein, betreiben wir exzessive Selbstverleugnung und leben nicht das was uns wirklich entspricht.
Dem Herzensweg zu folgen bedeutet auch, dass wir nicht des Geldes wegen irgendeinen Job machen, dass wir uns nicht mit Menschen treffen, die wir eigentlich nicht mögen, die aber im Außen nützlich für uns sind. Dem Herzensweg zu folgen würde auch das Ende jedes Theaterstückes bedeuten, das wir zu unserer Selbstverleugnung aufführen und es würde bedeuten Zweckgemeinschaften aufzulösen und seinen wahren Gefühlen zu folgen. Zeit zu haben ist kein Luxus, Zeit zu haben ist eine Frage der Entscheidung, eine Frage der Setzung von Prioritäten. Richtige Prioritäten kann man aber erst setzen, wenn man weiß was man wirklich, wirklich will. Wissen was man wirklich will entdeckt man aber erst, wenn man sich Zeit für sich nimmt. Wir müssen uns klar machen, dass alles was wir tun immer von Erfolg gekrönt ist. Es erfolgt immer das wofür wir die Ursache setzen. Erfolg ist zwangsläufig, nur ob es der Erfolg ist, den wir uns wünschen, das wird sich zeigen, denn er entspricht immer unserem Handeln. Also raus aus dem Hamsterrad, bevor wir heraus geschleudert werden durch Umstände, die uns dann bestimmt gar nicht gefallen und wir einen Erfolg haben, der so nicht erfolgen sollte. Beenden wir unsere Flucht vor uns selbst und schauen uns an, was wir wirklich wirklich leben wollen, abseits des Mainstream und abseits von dem was wir glauben.

 

Veröffentlicht in Impulse, gesellschaftskritisch

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Michael Roschke 02/06/2019 20:25

Klasse! Du solltest ein Buch (darüber) schreiben!
Gern gelesen, Gruß: Micha

Schütgens, Angelika (Blaufedermond) 02/06/2019 21:48

Danke, ein Buch zur Thematik (und einiges was drumherum liegt) ist geplant, nur der Zeitpunkt ist noch offen.

Herzliche Grüße vom Blaufedermond