Lieber verrückt, statt ehrlich?

Veröffentlicht auf von Schütgens, Angelika (Blaufedermond)

Lieber verrückt, statt ehrlich?

Unsere Welt ist ein verrückter Ort. Angenommen es gibt einen anderen Planeten auf dem intelligente, zivilisierte Wesen wohnen, wäre er wohl genauso chaotisch wie unsere Erde? Oder ginge es dort authentischer, ehrlicher, „humanitärer“ zu. Soweit wir bei Außerirdischen kaum von Humanität sprechen können, aber möglicherweise gäbe es etwas Gleichbedeutendes.

Zugegeben wir leben in einer Welt in der das Überleben ohne Geld schwierig bis dramatisch ist. Wir brauchen es um ein komfortables Dach über dem Kopf zu haben, um unser Brot zu kaufen und um überhaupt handlungsfähig zu sein. Aber rechtfertigt dies, dass wir uns dafür verbiegen und verleugnen müssen? Hat uns all dieses Profitdenken das Hirn schon so weit zerfressen, dass wir auch private Entscheidungen so betrachten? Wenn ich dieses oder jenes tue, verliere ich Geld also lasse ich es, lieber irgendwo kleben bleiben, obwohl es mir psychisch und/oder emotional nicht gut tut. Besser auf der sicheren Seite stehen, statt glücklich leben?

Ist es klug sich dem Sicherheitsdenken einer falschen Moral unterzuordnen oder ist es klüger sich von Zwängen zu befreien und den Weg zu gehen, der eigene Freude unterstützt?

Was das bedeutet weiß ich, denn vor vielen, vielen Jahren befreite ich mich aus einer einengenden Partnerschaft, in der ich lange Zeit gar nicht wahrnahm, dass sie mich einengte. Zuerst erfolgte ein zaghafter Ausbruchsversuch, weil ich zu spüren begann, dass Enge um mich herum war, dass ich nur noch eine Marionette meiner Pflichten war. Waren die Pflichten erledigt, kam die Lähmung, als ob jemand das Fadenkreuz aus der Hand gelegt hätte. Ich folgte anderen Strippenziehern und das freiwillig. Solange bis ich es endlich begriff. Das Begreifen war ein langer Prozess, an dessen Ende Angst stand. Was nun, nach so vielen Jahren der Außenprogrammierung, des Abgebens der Verantwortung für mich selbst? Die Frage wurde mir während der langen Inkonsequenz (nach der Erkenntnis) wieder von außen abgenommen. Die anderen Strippenzieher hatten das Fadenkreuz immer noch in der Hand, weil ich es ihnen gelassen hatte. Meine Inkonsequenz führte mich in ein wirtschaftliches Desaster. Hätte ich eher reagiert, wäre ich früher mutiger gewesen, dann hätte ich die Fäden meines Lebens selbst in der Hand gehabt.

Damals wusste ich nicht was ich heute weiß, nämlich das alles Sicherheitsdenken zu Lasten der eigenen Freude, des Lebensgenusses und der eigenen Leidenschaft geht.

Mein Leben heute ist einfach – nicht materiell – dafür aber hat alles andere Zeit und Raum. Heute mache ich nur noch das was mir Freude bereitet, was für mich einen Sinn ergibt und mich erfüllt. Die Fülle, die sich daraus ergibt macht sich nicht zwangsläufig auf dem Bankkonto bemerkbar. Sie zeigt sich in Ausgeglichenheit, Gelassenheit und Ruhe, ohne dass ich bewusst dafür sorgen oder mir Zeit dafür nehmen/stehlen muss. Sie ist von allein da, ohne das ich aktiv nach ihr suche.

Zeit ist unser größtes Gut, denn sie ist nicht produzierbar, nicht festhaltbar und auch nicht rückholbar. Zeit zu haben die Natur im Hier und Jetzt zu erleben, wann immer wir ihr begegnen, nicht joggend hindurch zu hetzen, nicht radrennend auf den Straßen umher zu flitzen auf der Suche nach besserer Fitness, nicht 70 Stunden Arbeits-Wochen zu absolvieren für den Pool im Garten, die Kreuzfahrt oder das Drittauto vor der Haustür. Das alles hat letztlich keinen Wert. Wertvoll ist der Erhalt unserer Leidenschaft, gelebte Liebe, Dankbarkeit für die Zeit, die uns hier gegeben ist. Wichtig ist es Achtsamkeit zu entwickeln für das was jetzt ist. Das Morgen ist noch nicht da, das Gestern ist vorbei, was wir haben ist immer nur der jeweilige Augenblick.

Wie armselig wird unser Gewinnstreben, wenn wir uns dafür verleugnen, gegen unsere inneren Überzeugungen handeln, Missstände in Kauf nehmen, die wir nicht ertragen würden, wenn sie nicht mit einen materiellen Verlust einhergehen würden. Wir fühlen uns vielleicht an frühere Versprechen gebunden, die irgendwann einmal unter völlig anderen Voraussetzungen gegeben wurden. Was aber, wenn es heute nur noch leere Hülsen sind? Tarnkappen für Lügengebäude die wir uns bauen. Was wenn die Tarnkappen nur mit viel Aufwand, Selbstverleugnung, akkurater Planung, Organisation und Verzicht auf Lebensfreude und Leidenschaft erkauft werden? Das ist nicht erstrebenswert, für alle Beteiligten nicht.

Wir sind dem Kapitalismus verfallen. Das Streben nach Kapitalbesitz nimmt viel zu viel Raum ein. Ein sehr schönes Beispiel dieses Denkens wurde uns in der „Höhle der Löwen“ vom 18.09.2018 bei VOX vor Augen geführt. Investoren geben ihr Geld für Flusensiebe, Po-Duschen, Gartengeräte, Modeideen, Kosmetikprodukte, Food startups, Vitaminpillen und Nahrungsergänzungsmittel, aber sie weigern sich ein Investment für einen Frühgeborenen Simulator in die Hand zu nehmen. Warum, weil eben kein Millionengeschäft damit zu machen ist. Ein Produkt, dessen Wert nicht skalierbar ist. Dass Menschenleben damit gerettet werden können, interessiert vielleicht privat, berührt und bewegt, aber viel Geld ist damit nicht zu verdienen. Wie wäre es gewesen, alle Investoren hätten sich zusammen geschlossen, ihre Ressourcen gebündelt und den Simulator als humanitäres Projekt betrachtet und ihn ohne immense Gewinnerzielungsabsicht unterstützt? Aber soweit geht die Menschlichkeit in unserer Gesellschaft nicht. Diese Heuchelei, dieses dem eigenen Profit hinter jagen entspricht aber wohl dem heutigen Zeitgeist.

Ich würde so ein Leben heute nicht mehr führen wollen, mich nicht mehr verbiegen, nicht mehr gegen die eigenen Überzeugungen handeln, um mir einen Vorteil zu erkaufen. Vor Jahren brach ich daher alle Kontakte ab, bei denen ich wusste, ich „durfte“ dort nicht authentisch sein, zumindest nicht ohne in diverse Konflikte zu geraten. So mancher wird sich damals gefragt haben, warum ich den Rückzug antrat. Warum ich freundschaftliche Kontakte nicht mehr pflegte. Bei manchen fiel es mir schwer, dennoch blieb ich konsequent.

Nicht erwünschte Realität wird verdrängt, verleugnet, sich schön geredet. Bevor wir uns die Realität ansehen und in die Gefahr kommen persönliche Konsequenzen ziehen zu müssen, unterdrücken wir lieber unsere Werte, unsere Neigungen, unsere Interessen zu Gunsten von wackeligen Gesellschaftskonstrukten. Das ist die Zwangsjacke in die wir uns selber stecken, für die wir niemanden verantwortlich machen können.

Wie viele Menschen mögen sich in diesen freiwilligen Abhängigkeitsverhältnissen befinden?

Menschen an Arbeitsstellen, die sie annehmen (müssen) des Geldes wegen, an Arbeitsplätzen, die sie zähneknirschend behalten, weil das Gehalt passt, ansonsten aber nichts oder Menschen, die in desolaten Familiensituationen leben, aus denen sie ausbrechen müssten, aber wegen der finanziellen Mittel bleiben. Ist das lebenswert?

Ich habe selbst einmal so gedacht und so gelebt und deshalb weiß ich, wie schwer es fällt das alles loszulassen. Es ist nicht einfach zwei Schritte rückwärts zu gehen und Einbußen hinzunehmen. Heute weiß ich, dass ich für jeden Verzicht aber auch etwas viel Wertvolleres geschenkt bekomme. Zum einen das Wissen zum eigenen Besten gehandelt zu haben und zum anderen bekam ich damals Zeit geschenkt. Zeit, die ich nun für mich besser nutzen kann. Zeit, die ich dem widmen kann, was mir am Herzen liegt. Ich muss nicht mehr lange im Kalender nach freien Zeiten suchen, wenn ich gefragt werde, ob ich Zeit für dieses oder jenes hätte. Ich muss nicht mehr von einem zum anderen Termin hetzen. Mir geht es besser damit qualitativ hochwertige Zeit mit Menschen zu verbringen die mir wichtig sind, als mich zwischen Tür und Angel mit ihnen zu treffen, weil der Terminkalender grade mal ein Stündchen Platz lässt.

Wie arm ist unser reiches Leben, wenn wir uns krankschreiben lassen müssen, nicht weil wir wirklich krank sind und nicht arbeiten könnten, sondern weil wir eine Pause brauchen, um dem Druck entgegen zu wirken dem wir täglich an einer Arbeitsstelle ausgesetzt sind an der wir uns nicht wohlfühlen und die wir nicht lieben. Oder wir fühlen uns genötigt Arbeit zu erfinden oder vorzutäuschen, um ein paar Stunden Freiraum zu bekomme, um dann (statt wirklich zu arbeiten) ungestört das zu tun, woran unsere Leidenschaft hängt. Um wie viel glücklicher, zufriedener und ausgeglichener wäre unsere Welt, wenn wir alle nicht müssten sondern dürften?

Nämlich das tun was uns erfüllt, unabhängig davon, ob wir von dieser Tätigkeit leben können oder nicht. Wenn wir ehrlich zu uns sind können wir das, aber dazu müssen wir den Mut aufbringen authentisch unsere Werte zu vertreten, ohne falsche Kompromisse zu machen und wir müssten die Bereitschaft haben auf so manche Annehmlichkeit zu verzichten. Das bedeutet aber ehrlich zu sein, zuerst einmal zu sich selbst und dann zu den anderen. Es bedeutet nicht mehr gute Miene zum bösen Spiel zu machen, sondern klare Grenzen zu setzen. Es bedeutet für sich einzutreten, für das was uns bewegt, wo unsere Leidenschaften liegen, es bedeutet auch uns nicht an mehr Versprechen gebunden zu fühlen, die wir uns selbst oder anderen unter ganz anderen Voraussetzungen einmal gaben und es bedeutet Verantwortung für uns selbst zu übernehmen, für unsere Gesundheit und Wohlbefinden und letztlich für unser Lebensglück.

Wäre das bedingungslose Grundeinkommen ein Weg in die richtige Richtung? Sicher ja, allerdings vergessen viele von denen, die jetzt lautstark danach rufen, sicher etwas anderes, nämlich dass ein bedingungsloses Grundeinkommen nicht ausreichen wird so zu leben, wie sie sich das jetzt vorstellen und das damit das soziale Netz, die soziale Hängematte in die sich momentan jeder legen kann, der zwangsläufig aus dem Arbeitsleben aussteigen muss, wegfallen würde. Kindergeld, Krankenversicherung, andere Versicherungen, Zuschüsse usw. werden sicher wegfallen. Was ist mit der Rente, würde sie wegfallen oder gibt es das bedingungslose Grundeinkommen obendrauf? Wohl kaum. Was dann, wenn das Geld dann nicht ausreicht für das, was wir uns für unser Leben wünschen? Selbstverantwortung übernehmen? Ja, das ist die einzige Möglichkeit, aber warum dann nicht sofort eigenverantwortlich diesen Schritt gehen und unser Leben ehrlich, authentisch, nach unseren Wünschen und Vorstellungen leben, auch wenn wir ein oder zwei Schritte rückwärts gehen müssen. Rückwärts gehen kann auch vorwärts bedeuten, nämlich dann, wenn wir uns in einer Sackgasse befinden.

Veröffentlicht in gesellschaftskritisch

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