Das Bollwerk

Veröffentlicht auf von Schütgens, Angelika (Blaufedermond)

verwunschen-1-.jpg

 

 

Viele Steine fehlten nun nicht mehr, um ihr Schutzbollwerk fertig zustellen. Hoch und stabil war es geworden, fest verankert an dicken Grundmauern. Das Fundament erstellt aus Verletzungen, Missachtung und Ignoranz war stabil und haltbar.

Nur noch wenig drang über die Mauern heraus und kaum noch etwas gelangte hinein. Innen war der Raum lichtlos und leer. Stimmen verloren sich ungehört zwischen den Schutzmauern, Schreie liefen sich tot, wimmerndes Wehklagen wird wurde von porösen Steinen absorbiert. Die lebendige Welt draußen, die bunte, laute, aufgesetzt fröhliche wurde ausgesperrt. Sollten sie doch ihre Spiele ohne sie spielen. Sie war oft genug geprellt, aus dem Spiel geworfen, zwischen Stühlen gequetscht und letztlich ganz aus dem Spiel getreten worden. Nachgiebig und weich hatte sie sich zwischen Ritzen schieben lassen, Hohlräume gefüllt, Angriffe abgefedert. Ihre Luft war entwichen, eine kraftlose leere Hülle blieb zurück.

Hier ließ es sich ohne Masken leben. Die Paraderollen hatten ausgedient. Der Pausenclown legte sein Amt nieder, der Leere-Stunden-Füller dankte ab. Wichtige Worte waren alle gesagt, doch sie waren verweht im Wind der Unentschlossenheit und der sicheren Gewohnheit und letztlich erkannte sie, dass ihre Worte nur für sie wichtig waren.

Die ungesagten Worte waren abhanden gekommen, die Gefühle waren mit Sack und Pack aus der Dunkelheit geflüchtet. Nur zwei harrten noch aus, die Traurigkeit und die Hoffnungslosigkeit. Alle Farben der Seele waren verschenkt worden. Hinein geworfen in diffusen Nebel, der sie reaktionslos verschluckte. Sollten sie sich eine neue Bleibe suchen. Die Sinfonie des Herzens verstummte, Liebeslieder verklangen. Sehnsuchtsvoll wehte ihr letzter Klang durch die Stille, verhallte ungehört. Er erzeugte kein Echo mehr. Was blieb war der monotone gleichmäßige Trommeltakt, der noch einen Rest von Leben bezeugte.

Leer gegossen war der Krug der sorglosen Leichtigkeit und der der Leidenschaft war umgestoßen worden. Armselig versickerte das Rinnsal in kleinen Spalten. Er hat seinen Zweck verloren, war unbeachtet nutzlos und wertlos geworden. So besann sie sich auf das einfache Sein. Wenige Steine bedurfte es nur noch bis auch die letzten Schlupflöcher verbaut und geschlossen werden würden. Das hungrige Seelenmonster, das bereit ist alles zu vernichten und zu verschlingen, wenn man ihm nur die Hand reichte, würde bald in leerer Schwärze eingemauert sein. Eingemauert im Bollwerk des Schutzes.

Aber was schützt es? Das Innen oder das Außen? Vielleicht schützt es beides.

Das Innen vor neuen Steinen der Enttäuschung, die ohnehin nicht mehr verbaut werden könnten, denn das Bollwerk ist fast komplett. Es gibt keine Verwendung mehr für Steine, es ist keine  eine Reihe mehr zu verbauen. Das Außen schützt es vor der Welle der überschwappenden Traurigkeit, die nur Mitleid hervorruft. Mitleid macht die Leere im Innen nur noch enger, nimmt die letzte Luft, braucht den letzten freien Raum.

Nur wenige Steine noch.

Dornenranken begannen schon die Mauern zu erklimmen. Bereit den äußerlichen Schutz des Bollwerks zu bilden und es vor neugierigen Blicken zu verbergen. Sie werden verhindern, dass jemand Einlass begehrt.

Die letzten Vorbereitungen für den 100 jährigen Schlaf in Einsamkeit hatten begonnen als Dornröschen in der Dunkelheit ihre Spindel fand.

 

 

 

Veröffentlicht in Seelen-Märchen

Kommentiere diesen Post

Sichtwiese 12/27/2013 11:05

absolut genial geschrieben... es hat mich berührt...
Liebe Grüsse, Sichtwiese

Schütgens, Angelika (Blaufedermond) 12/27/2013 12:50



Danke schön.


Winke,winke vom Blaufedermond zur Sichtwiese.