Der beherzte Flötenspieler

Veröffentlicht auf von Blaufedermond

Es war einmal ein junger lustiger Musiker, der seine Flöte meisterhaft spielte. Er reiste in der Welt umher, spielte in Dörfern und Städten und verdiente so sein Geld. Eines Abends kam er an einen Gasthof, weil er das nächste Dorf vor der hereinbrechenden Nacht nicht erreichen konnte, übernachtete er dort. Der Flötenspieler aß ein wenig mit dem Gastwirt zu Abend und spielte anschließend ein paar seiner Flötenstücke. Danach schaute er zum Fenster hinaus und sah ganz in der Nähe, im Mondschein, eine alte verfallene Burg. "Was ist das für ein Schloss", fragte er den Gastwirt, "und wem hat es gehört?" Der Gastwirt erzählte ihm, dass vor langer Zeit ein Graf in dem Schloss wohnte, der sehr reich, aber auch sehr geizig gewesen war. Er war unbeliebt bei den Menschen, weil er den Armen nichts zu essen gab. So starb er einsam und ohne Erben, denn aus lauter Geiz hatte er noch nicht einmal geheiratet. Nach seinem Tod wollten seine Verwandten, das viele Geld des Grafen in Besitz nehmen, aber sie fanden nicht ein einziges Goldstück. Sie glaubten daher, der alte Graf hätte sein Gold vergraben und es müsse irgendwo versteckt sein. Seitdem waren viele Menschen gekommen, um nach dem Schatz zu suchen, aber keiner ist je wieder aus dem Schloss herausgekommen. Deshalb wurde der Zutritt zum Schloss verboten und alle Menschen wurden davor gewarnt es zu betreten. Der Flötenspieler hatte gut zugehört. Als der Wirt seine Erzählung beendete hatte, sagte er, dass er mutig sei und unbedingt in das Schloss wolle. Der Gastwirt warnte ihn und bat ihn inständig es nicht zu tun. Der junge Musiker hatte es sich aber in den Kopf gesetzt und ließ sich nicht davon abbringen.

Zwei Angestellte des Gastwirtes mussten zwei Laternen anzünden und den Flötenspieler bis zum Schloss begleiten. Dort nahm er eine Laterne und schickte die Beiden mit der anderen Laterne wieder zurück. Mutig stieg er eine hohe Treppe hinauf. Sie führte in einen großen Saal, der rundherum Türen hatte. Er öffnete die Erste und ging hindurch. Ein großer alter Holztisch stand in dem Raum. Der junge Musikus stellte sein Licht darauf, setzte sich und spielte auf seiner Flöte.

Der Gastwirt konnte, aus lauter Sorge, in der Nacht nicht schlafen. Er sah immer wieder zum Fenster hinaus und freute sich, wenn er den Flötenspieler musizieren hörte. Als seine Wanduhr elf schlug und das Flötenspiel verstummte erschrak er heftig. Er glaubte, welcher Geist auch immer in dem Schloss wohne, hätte den jungen Musiker mundtot gemacht.

Der Flötenspieler aber war durch sein Spiel hungrig geworden, da er nicht viel gegessen hatte. So ging er im Zimmer umher und suchte nach etwas Essbarem. Er fand einen Topf mit Linsen, ein Gefäß voll Wasser, einen Krug Salz und eine Flasche Wein. Das Wasser goss er über die Linsen, würzte sie mit Salz, machte Feuer im Ofen und kochte eine Linsensuppe. Während die Suppe kochte, trank er die Flasche Wein leer und spielte wieder auf seiner Flöte. Als die Linsen fertig waren, rückte er sie vom Feuer, füllte sich einen bereit stehenden Teller und begann zu essen. Es war Mitternacht, als er auf seine Uhr schaute. Plötzlich ging eine Tür auf und zwei lange schwarze Männer kamen herein. Der furchtlose Musiker ließ sich aber beim Essen nicht stören. Die Männer trugen einen Sarg, den sie ohne ein Wort zu sagen vor dem Flötenspieler abstellten. Danach verschwanden sie ebenso lautlos wieder wie sie gekommen waren.

Nachdem die Männer wieder gegangen waren, eilte der Flötenspieler zum Sarg und öffnete den Deckel. Ein kleines, altes, verhutzeltes Männlein mit langem Bart und grauen Haaren lag darin. Der junge Mann nahm es heraus, trug es zum Feuer und wärmte es. Als sich Leben im Männlein zu regen bgann, gab er ihm von der Linsensuppe und umsorgte es wie eine Mutter ihr Kind. Das Männlein wurde ganz lebhaft, sprang umher und sprach:"Folge mir!" Der junge Musiker nahm seine Laterne und folgte dem vorauseilenden Männlein eine lange verfallene Treppe hinab. Sie kamen in ein tiefes, schauerliches Kellergewölbe. Dort lag ein großer Haufen Geld. Das Männlein sagte: "Teile diesen Haufen Geld in zwei gleichgroße Teile, so dass nichts übrig bleibt. Schaffst du das nicht, werde ich dich töten!"

Der Flötenspieler lächelte nur und begann das Geld auf zwei Tische zu verteilen, eine Münze hier, eine Münze dort. Doch zuletzt blieb eine einzige Münze übrig. Er überlegte kurz, dann nahm er sein Messer, setzte es mit der Schneide auf die Münze und schlug mit einem Hammer, der auf einem der Tische lag, darauf. So teilte er die letzte Münze in zwei gleiche Teile und legte ein halbes Geldstück auf jeden der zwei Tische. Freudig sprang das Männlein herum: "Du hast mich erlöst. Seit 100 Jahren muss ich den Geldschatz bewachen, den ich zu Lebzeiten in meinem Geiz angehäuft habe, bis es einem gelingen würde ihn in zwei gleiche Teile zu teilen. Noch nie ist es einem gelungen. Keiner der es bisher versuchte, hat dieses Schloss wieder verlassen. Die eine Hälfte des Geldes gehört nun dir, die andere aber verteile gerecht unter den Bedürftigen. Du kluger Mann mit dem mutigem Herzen hast mich erlöst!" Mit diesen Worten verschwand das Männlein. Der Flötenspieler aber stieg die Treppe hinauf und spielte dabei voller Freude ein Stück auf seiner Flöte.

 

Als der Gastwirt das Flötenspiel hörte, freute er sich und eilte zum Schloss. Der Flötenspieler kam ihm entgegen und erzählte ihm alles. Später tat er was das Männlein ihm aufgetragen hatte. Er verteilte die Hälfte des Geldes unter den Bedürftigen. Mit seinem Teil aber ließ er das Schloss abreißen und neu erbauen. Dort lebte er fortan als reicher Mann.

 

Neu erzählt nach Ludwig Bechstein

Veröffentlicht in Märchen

Kommentiere diesen Post