Die Seelenwoche

Veröffentlicht auf von Schütgens, Angelika (Blaufedermond)

Die erste Novemberwoche wird auch als Seelenwoche bezeichnet, deshalb gibt es hier ein fantasievolles Seelenmärchen zu lesen, das uns in die Sinnlichkeit des Sommers, mit all seinen Düften, Wundern  und Schönheiten entführt und gleichzeitig versucht ein paar Fragen zu klären.

 

 

Das Sybillteilchen

 

Sybill floh aus ihrer Welt, wie fast jeden Abend, wenn sie den Alltag hinter sich ließ. Sie schickte ihre Seele auf Reisen, um Antworten auf ihre Fragen zu finden. An diesem grauen Novemberabend bat sie den Wind ihre Seele, auf seinem Weg um die Welt, mitzunehmen. So ritt Sybills Seele auf dem Westwind mal sanft mal, mal brausend über leeren Felder, Länder und Meere hinweg. Sie hatte so viele Fragen auf die sie keine Antwort fand und sie hoffte, bei einem Flug, rund um den Globus, würde sie Antworten finden.

 

Sybills Seele fegte mit dem Wind über das Eis der Pole und stellte ihre Fragen, aber das Eis war kalt, grausam und stumm. Dicht über dem Wasser stellte sie dem Meer und den Wellen ihre Fragen, doch auch das Wasser und seine Bewohner wusste keine Antwort. Das Wasser schäumte, brodelte und wütete mit Macht, aber es blieb stumm an Worten. Auch die unendlichen Wüsten, die weiten Felder, der Regenwald und die Flüsse konnten Sybills Fragen nicht beantworten. So bat sie den Wind: „Bitte, bring mich hinauf zu den Berggipfeln und lass mich die Sterne befragen?“ Der Wind hob sie empor und sie rief ihre Fragen dem Himmel entgegen, doch auch der blieb stumm wie ein Fisch.

 

Traurig saß Sybills Seele auf einem Wölkchen und überlegte, wen sie noch fragen könnte. Plötzlich flatterte ein goldener Schmetterling, mit zartrosa Pünktchen auf den flügeln, vor ihr und sie bat: „Sag mir, du hübscher Falter, weißt du, wer mir meine Fragen beantworten kann? Ich war schon überall auf dieser Welt, aber niemand kennt die Antworten die ich suche. Alle schauen mich traurig an und schweigen.“ Der Schmetterling lachte ganz leise. Kaum hörbar wisperte und säuselte er mit dem Wind: „Flieg mit dem Wind zurück und setze dich zur Mittsommernacht im Vollmondschein auf eine bunte, blühende Wiese. Dort schließe deine Augen und öffne alle deine Sinne! Bis zu diesem Zeitpunkt musst du dich gedulden.“ Sybills Seele wollte sich für diesen Rat bedanken, doch kaum hatte der Schmetterling seine Worte entlassen, verschwand er wie durch Zauberhand und dort wo er eben noch war, flimmerten Millionen goldene Lichtpartikel.

Sybill trug ihre Fragen weiter mit sich herum, manche quälten sie sehr, andere weniger, aber sie wartete ungeduldig auf die Mittsommernacht.

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Zufällig fiel genau in jenem Jahr der Vollmond und die Mittsommernacht zusammen. So dauerte die Wartezeit nicht gar so lang. Es war ein wundervoller warmer Tag, der mit einem zauberhaften Sonnenuntergang endete. Sybill setzte sich, wie der Schmetterling es ihrer Seele geraten hatte, zum späten Nachmittag auf eine bunt blühende Sommerwiese unter einen Obstbaum. Sie lehnte mit dem Rücken an der borkigen Rinde, spürte die Kraft und den Halt des Baumes in ihrem Rücken, sie sah die bunten Farben der süß duftenden Blüten, die emsigen Hummel und Bienen. Sie hörte das zarte Konzert der Zikaden und Grillen und das Trällern der Lerchen.  Das sanfte Plätschern des Bächleins in ihrer Nähe, trug ihre Gedanken fort. Im sanften Zwielicht schloss sie die Augen, legte ihre Hände auf die warme Sommerwiese und ließ sich mitsamt den Düften und Geräuschen ins Traumland tragen.

 

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Sybills Seele landete in einem ihr völlig fremden Land. Sandfarbenes, samtweiches Gras bedeckte den Boden und wiegte sich sanft im Wind. Einzelne bunte Blüten tupften zarte Farbkleckse ins Gras. Vor ihr ragte ein palmenähnlicher blaulila Baum hoch aus dem Gras auf. An den Enden seiner Wedel, saßen orangerote Früchte. Sybills Seele manifestierte einen Körper und näherte sich langsam den Früchten, um sie aus der Nähe zu betrachten. Zaghaft berührte sie eine besonders tief hängende, reife Frucht, die betörend duftete. Kaum hatte sie die Frucht berührt, platzte sie auf und eine große Wolke goldgelber, schmetterlingsähnlicher Wesen umflirrten sie. Alle wisperten und flüsterten durcheinander. Waren es Feen oder Elfen oder Schmetterlinge? Sybill fragte die Wesen: „Könnt ihr mir meine Fragen beantworten? Ich bin so weit gereist, habe solange gewartet, ich wünsche mir so sehr Antworten zu bekommen!“ Die Wesen antworteten im Chor wie aus einem Munde mit einer Gegenfrage: „Was willst du denn wissen?“ „Ich möchte wissen woher ich komme, woher dies alles kommt, wohin ich gehe, worauf ich warte und vor allem wer ich bin?“

Leise lachend wisperten die Schmetterlingswesen: „Schau dich um in der Welt, wenn du zurück bist. Begreife deine Welt, die voller Gegensätze ist. Da ist Licht und Schatten, Sonne und Mond, es gibt Freud und Leid, Weinen und Lachen, es gibt den Wind und die Flaute, die Sonne und den Regen und alles ist miteinander verbunden. Nichts steht allein. Ohne das Eine, gäbe es nicht das Andere. Begreife das alles  Eins ist und DU bist das Ganze.“ Damit flatterten sie davon, dem großen Regenbogen entgegen auf dem rosa Sternchen blinkten und der sich zwischen zwei Planeten über den zartgrünen Himmel spannte.

 

Schaftrunken und verdutzt rieb sich Sybill die Augen, sie musste eingenickt sein, denn ein samtschwarzer, sternenfunkelnder Himmel wölbte sich über ihr. „Ein seltsamer Traum war das“, dachte sie und erinnerte sich an den Traum. Aber hatte sie nun wirklich die Antworten auf ihre Fragen?

 

„Wenn alles Eins ist und ich das Ganze bin, dann komme ich nirgendwo her und ich gehe nirgendwo hin. In bin wo ich bin und ich warte auf nichts, denn ich bin mit allem verbunden.“ Auch wenn dies nicht die Lösung für ihre täglichen Aufgaben war, so war Sybill doch um einiges erleichtert, denn was immer ihr geschah oder was sie fühlte ... Schuld, Scham, Trauer, Wut, Angst, so wusste sie auch die Gegenteile Unschuld, Freude, Glück, Vergebung, Mut  und Liebe war in ihr und um sie herum.

 

„Alles ist eins und in jedem Teil steckt das Ganze!“

 

 

©AS2006

 

 

 

 

 

 

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syntaxia 11/03/2013 12:17

Fabelhaft! :-)

..grüßt dich Monika

Schütgens, Angelika (Blaufedermond) 11/03/2013 12:37



Danke schön.


Liebe Grüße vom Blaufedermond