Die Tücke des Objekts

Veröffentlicht auf von Schütgens, Angelika (Blaufedermond)

... oder Aufstand der Gartenmöbel

 

"Jetzt reichts mir", dachte er als er sie kommen sah. Er war sauer und genervt. Wer steht schon gerne jahrelang bei Wind und Wetter draußen, nur um bei Bedarf sofort verfügbar zu sein. "Du wirst dich wundern, ich lass es krachen heute", schwor er. Vor lauter Vorfreude bogen sich seine Beine leicht, als sie ihn zurechtrückte.

Sie merkte nichts von seinen heimtückischen Absichten und vertraute ihm wie jedes Mal, wenn die Sonne verlockend auf die Terrasse schien. Als er sie spürte grummelte er leicht knatschig: "Du hast mich lange genug besessen!" und wippte ein wenig, als sie ihre Position veränderte um es sich bequem zu machen. Reglos verharrte sie und betrachtete die weißen Wolken, die sich malerisch über den blauen Himmel schoben, nichts ahnend von dem Unheil, das sich unter ihr zusammenbraute. Während sie versonnen ihren Gedanken nachhing, lief, von ihr immer noch unbemerkt, der suizidale Countdown des Plastikwesens. Plötzlich krachte es gewaltig. Er ging nicht leise von dieser Welt sondern mit lautem Getöse und sie fand sich ruckartig einen halben Meter tiefer sitzend. Mühsam rappelte sie sich auf und betrachte die Einzelteile zu ihren Füßen.

 

suizidaler-Stuhl.jpg

 

"Nun ja, tiefer gelegt ist in!" grinste sie und fragte das Stuhlbein, das sie aufhob und in der Hand hielt: "Hättest du mich nicht vorwarnen können?" Es schwieg beharrlich und weigerte sich auch nur einen Mucks von sich zu geben.

Da lag er nun, seltsam verbogen. Bizarr baumelte ein Beinstumpf in der Luft. Ein winkendes Mahnmal der Ausbeuterei, hatte sie ihn doch nur beachtet, um sich auf ihm die Stunden zu versüßen. Jahrelang war er hin und her gerückt worden, mal hierhin, mal dorthin, bis er total verrückt war. Mehr oder weniger heftig war er gedrückt, bedrückt und besessen worden. Doch nun war es genug. Er hatte seine Belastungsgrenze erreicht. Diesen Sommer, falls er noch kommt, sollte sie ihn nicht mehr quälen, das hatte er erfolgreich verhindert. Sollte sie doch sehen wie sie von jetzt an ohne ihn zurecht kam.

 

Offensichtlich litt der Gute an Selbstüberschätzung, wusste er doch nichts von der Massenware, die nur darauf wartete ihn zu ersetzen.

 

 

 

Veröffentlicht in Kurztexte

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