Die verlorene Schwerelosigkeit

Veröffentlicht auf von Blaufedermond

Vor langer Zeit, als das Leben noch einfach und bunt war, angefüllt mit Lebendigkeit und Neugier war alles leicht. Fliegen - hoch hinaus, tanzen mit dem Wind, alles war möglich, grenzenlose Chancen.

 

Jetzt ist alles anders. Der Windvogel, einst farbig, wild entschlossen sich vom Wind in die Welt hinaustragen zu lassen, ist längst lädiert. Er hebt schon lange nicht mehr ab. Statt bunter Papierschleifen an seinem Schwanz, hängen dort nun Steine. Große, kleine. Das Wort Leichtigkeit gibt es nicht mehr, ebensowenig wie das Wort Spontanität.

 

Die Grenzen, die damals so weit entfernt und damit unsichtbar, sind sehr nah gerückt. Sie liegen nicht mehr irgendwo da draußen, sondern sie sind bis ins Innerste vorgedrungen. Grenzen der Dynamik, der Vorstellung, der Beweglichkeit und des Denkens. Ja, selbst das Denken erfährt Grenzen. Längst sind Mauern gezogen wo einst grüne Wiesen waren. Die Tore geschlossen, vernagelt. Sie verhindern das etwas eindringt, aber es dringt auch nichts hinaus. Sie schützen vor Enttäuschung, Schmerz, aber sie engen auch ein. Wie ein Korsett schnüren sie die Lebendigkeit jeden Tag ein wenig mehr zusammen. Das Gespenst Angst nährt sich von der Dunkelheit im Innern und wächst. Die Steine, die gesammelt wurden, haben Gewicht. Alles hat Gewicht bekommen, die Zeit, jede Tat, Begebenheiten, jede Erinnerung. Die Worten die früher leicht und stetig einfach dahin plätscherten, fröhlich jede Stromschnelle nahmen, haben tiefe Bedeutung erhalten. Sie ballen sich zusammen, komprimiert erreichen sie hart das Gegenüber. Aus dem sprudelnden Geplätscher, wurde ein gebündelter zielgerichteter Strahl Aussagekraft. Nicht immer in seiner tieferen Bedeutung sofort erfassbar. Die Essenz steckt innen, geschützt.

 

Nichts geschieht grundlos aus der Freude der Leichtigkeit, nichts ist unbeschwert. Alles ist überlegt, geplant, organisiert, x-Mal durchdacht, alle Folgen durchgespielt. Die Handlung letzlich bis ins Detail vorgezeichnet und Plan B und C ist skizziert. Überraschungen sind nicht vorgesehen.

 

Was liegt zwischen dem Damals und dem Jetzt? Wer ist verantwortlich für die Steine, statt der Papierschleifen? Wer hat die Bodenhaftung erhöht und die Flügel gestohlen?

Die Schuldsuche endet vor dem Spiegel. Fragen werden zurückgeworfen. Wann wurde alles schwer?

 

Als die Waagschale der Enttäuschungen schwerer wog, als die der noch erreichbaren Ziele.

Veröffentlicht in Kurztexte

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Brigitte 06/26/2012 17:19

Perfekt umsetzbar auf unsere Situation. Wir funktionieren nur noch, haben unendlich Vorgaben, werden von oben herab gehemmt.

Alles hat nur noch ein Ziel - Wachstum, Gewinnstreben! Alles, was sich dem entgegensetzt, erfährt unverzüglich Grenzen. Die, die sich wehren, das sind dann Querulanten.

Es ist der Mensch, Flora und Fauna, die auf der Strecke bleiben.

Blaufedermond 06/30/2012 23:09



Wir sollten nur nicht aus den Augen verlieren dass Bäume nicht in den Himmel wachsen.


Das Funktionelle steht überall im Vordergrund, das Sinnliche, das kommerziell Nichtverwertbare bleibt außen vor.


Manchmal bin ich gern eine Querulantin.