Die windverliebte Wolke

Veröffentlicht auf von Blaufedermond

 

Früh am Morgen zog die kleine Wolke mit all ihren Verwandten über den Himmel. Sie freute sich über  alles was sie  zu sehen bekam. Wälder, Felder, Wiesen, kleine Dörfer, Städte. Ständig wechselten die Eindrücke. Manchmal ließ sie sich von hohen Berggipfeln den Bauch kratzen und wenn kein Berg vorhanden war, dann gab es dazu extra Wolkenkratzer, die hoch hinauf in den Himmel ragten.

 

Plötzlich erfasste die kleine Wolke ein Wind und pustete sie mit mächtig viel Kraft von ihrer Wolkenverwandtschaft weg. „Vorsicht!“, riefen ihre Wolkenfreunde ihr zu, „Pass auf, du treibst zu weit weg!“. Die kleine Wolke aber war schon viel zu weit weg, so dass sie die Warnung nicht mehr hörte. Es machte ihr Spaß sich von dem Wind herumwirbeln zu lassen. Sie überließ sich seiner Kraft und Stärke und er spielte mit ihr das Spiel Formwandeln. Mal zog er sie lang und walzte sie  platt, dann drückte er sie zusammen, plusterte sie auf, zerrte hier ein bisschen, pustete dort ein wenig und kaum dass sie eine Form gefunden hatte, pustete er sie in eine neue.

 

Die Menschen schauten zu ihr hoch und manche rätselten welche Form sie nun hatte. Kinder riefen: „Schaut mal, dort läuft ein Kamel über den Himmel!“ oder „ Wie riesig der Drache ist der dort am Himmel steht!“ Der kleinen Wolke gefiel das so gut, dass sie vom munteren fröhlichen Wirbelwind gar nicht genug bekommen konnte. „Du machst mir Spaß!“, rief sie ihm zu. Der Wirbelwind lachte, pustete noch ein bisschen mehr und antwortet: „Du mir auch!“

 

So tobten die beiden verliebt über das Firmament, vergaßen Zeit und Raum und lachten und spielten. Plötzlich hatte der Wind genug vom Jagen und Fangen, vom Drücken und Schieben und er rief der kleinen Wolke zu: „Hey, kleine Wolke, ich mag nicht mehr. Tschüühüüß!“ Kaum hätte er es gesagt war er auch schon verschwunden. Die kleine Wolke schaute sich verwirrt um. Sie kam sich vor als wäre sie ganz allein auf der Welt und trotzdem, wenn sie sich umschaute war alles unverändert. Sie sah immer noch die Bäume, Felder, Wiesen, Menschen, Häuser, Berge, manchmal viel, viel Wasser, aber es fühlte sich alles ganz anders an. Seit der Wind verschwunden war konnte sie sich nicht mehr daran freuen. Träge lag sie da und wurde sehr traurig. Sie spürte gar nicht, dass sie dicker und dunkler wurde. Schwerer und schwerer wurde sie, plusterte sich noch größer auf, nur um allen zu zeigen wie stark sie war. Wirklich stark war sie natürlich nicht, aber sie wäre es so gern gewesen. Sie versteckte sich hinter einem dicken schweren dunkelgrauen Mantel, grummelte leise vor sich hin und ließ sich treiben. Unterwegs sammelte sie alle kleinen Wasserteilchen ein die sie finden konnte, damit sie sich nicht so allein fühlte. Sie sehnte sich nach dem heiteren Wind, nach den gemeinsamen Spielen, dem Lachen und der Fröhlichkeit.

 

Mühsam schleppte sie sich über den Himmel und stellte sich trotzig vor die Sonne. „Das wird hoffentlich den Wind auf mich aufmerksam machen!“, dachte die Wolke. Aber wo immer er auch war, er schien es nicht zu bemerken. Nur die Menschen schauten zu ihr hoch. Manche schüttelten die Köpfe, einige schimpften mit ihr, weil sie die Sonne verdeckte, andere führten wilde Tänze auf – Regentänze nannten sie sie. Alle schauten zu ihr hoch, nur der Wind, auf den sie so sehr wartete, sah sie nicht.

 

Die kleine Wolke, die inzwischen zu einer richtig großen Wolke geworden war, ließ sich weiter träge über den Himmel treiben. Sie hoffte immer noch hinter jedem hohen Berg und hinter jedem Wolkenkratzer ihren Wind zu finden. Manchmal rief sie auch zaghaft nach ihm oder sie schickte ihm einen Gruß durch eine kleine Schwalbe, die sie von Zeit zu Zeit besuchen kam, um sie etwas aufzuheitern. Es kam auch vor, dass die Wolke so sehr grummelte, dass sie einen kleiner Blitz losschickte. Das tat sie immer dann, wenn sie sich selbst nicht leiden konnte, weil sie immer noch so traurig war. Aber was sie auch tat, der Wind aber blieb verschwunden.

 

Traurig wie sie war ließ sie sich tiefer und tiefer auf die Erde fallen. Unruhig schauten einige Menschen zu ihr hoch und zeterten ängstlich: „Der Himmel fällt uns bald auf den Kopf!“ Und wie sie immer tiefer und tiefer sank und fast drohte wirklich auf die Erde zu stürzen, fühlte sie sich plötzlich getragen. „Hey du, was hängst du denn so träge hier herum?“ ertönte es fröhlich und übermütig über ihr, unter ihr, neben ihr. Der Wind neckte sie und zerrte spielerisch an ihr. Er drückte, schob und pustete sie um einander, war mal hier und mal da und toste um sie herum.

 

Sie freute sich so sehr, dass sie ganz vergaß, dass sie traurig war. Weil sie viel zu schwer war, um mit dem Wind wirklich herumtoben zu können, ließ sie alle Wasserteilchen, die sie gesammelt hatte, frei. Die klammerten sich fest aneinander, verbanden sich zu dicken Regentropfen und plumpsten Plitsch-Platsch geräuschvoll auf die Erde. So wurde die Wolke leichter und kleiner. Sie wollte den Wind noch fragen, warum er so plötzlich weg war. Sie wollte wissen wo er in all der Zeit, in der sie ihn so vermisst hatte gewesen war und warum er nun wieder da war. Aber vor allen Dingen wollte sie wissen, ob er sie noch einmal so traurig machen würde. Aber sie war so erleichtert, dass er zu ihr zurückgefunden hatte, dass sie es einfach nur genoss wieder mit ihm über den Himmel zu toben.

 

Die Sonne, die nun nicht mehr von der Wolke verdeckt wurde, zauberte mit Hilfe der Regentropfen einen wunderschönen bunten Regenbogen an den Himmel. Die kleine Wolke war so glücklich wie nie zuvor. Auch der Wind hatte seine Freude mit ihr. Das Letzte was man von den Beiden sah war ein schmaler Dunststreifen hinter dem Regenbogen. Und wenn der Wind die kleine Wolke nicht wieder allein ließ, toben sie sicher immer noch irgendwo über den Himmel.

 

 

 

© Mai 2009

 

Veröffentlicht in Seelen-Märchen

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