Drei ungebetene Gäste

Veröffentlicht auf von Schütgens, Angelika (Blaufedermond)

 

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Kürzlich, ich wollte es mir grade bequem machen, klopfte es an der Tür. Nach dem Öffnen stand mir eine alte, traurig wirkende Frau gegenüber. „Guten Abend“, sagte sie leise, „ich bin die Einsamkeit und ziemlich allein, darf ich hereinkommen?“ Wie sie so mit hängenden Schultern vor mir stand, tat sie mir leid und ich lud sie ein hereinzukommen. Sie setzte sich still in die Leseecke des Wohnzimmers, wollte aber weder bewirtet noch unterhalten werden. Sie wollte nur dort sitzen sagte sie und so saß sie, einfach still und stumm herum. Ihre im Schoß liegenden Hände nestelten an einem Taschentuch, auf das sie unablässig blickte. Unauffällig beobachtete ich sie, dabei wurde ich selbst immer stiller. Nach einer Weile klopfte es erneut. Mit einem seltsamen Gefühl ging ich zur Tür, öffnete sie und wieder stand eine alte Frau davor.

Sie hob kurz ihren Blick um mich anzuschauen und sagte mit fast tonloser Stimme: „Guten Abend, mein Name ist Schwermut. Ich hörte die Einsamkeit wäre bei ihnen. Ich würde ihr gern Gesellschaft leisten.“ Unfähig ein Wort zu sagen, lud ich sie mit einer Geste ein hereinzukommen. Sie nahm sich einen Stuhl vom Esstisch, hockte sich neben die Einsamkeit, legte ihr die Hand auf den Arm und schwieg. Auch sie wollte weder Bewirtung, noch Unterhaltung und so schwiegen wir, die Einsamkeit, die Schwermut und ich den dreistimmigen Kanon des Schweigens. Kurz darauf klopfte es ein weiteres Mal. Die lautstarke Unterbrechung der trostlosen Stille ließ mich erschreckt zusammenzucken. Wer mochte nun noch vor der Tür stehen? Ein älterer Herr verbeugte sich kurz und sagte: „Gestatten Sie, dass ich mich vorstelle, mein Name ist Trübsinn, ich bin der Bruder der Schwermut und ich würde gern bei meiner Schwester sein.“ Auch ihn lud ich ein sich zu uns zu setzen. Wir nickten uns bedächtig mit den Köpfen zu, schwiegen aber in verstehendem Einvernehmen. Dann und wann seufzten wir aus tiefster Seele. Stumm sitzend verbrachten wir die lange Nacht, lauschten der beängstigen Stille, hingen unseren Gedanken nach und starrten in die Dunkelheit, die ihren schweren samtenen Mantel über uns ausgebreitet hatte.

Früh am Morgen stahl sich ein verirrter Sonnenstrahl durch die Ritzen der Rollläden. Er machte sich nicht die Mühe anzuklopfen, sondern kroch zielstrebig an der Wand entlang bis er zu meiner Nasenspitze gelangte, die er so heftig kitzelte, dass ich niesen musste. Er lachte mich an und bat mich inständig die Rollläden und die Fenster zu öffnen. Stumm, mit erschrockenen Gesichtern protestierten meine drei wortlosen Gäste. Doch ich ignorierte sie, erhob mich, wenn auch langsam und schwerfällig und gab seinem fröhlichen Drängen nach. Auch meine drei Gäste erhoben sich und flüchteten wie die Vampire vor dem Licht. Ich hörte noch, wie sie, wie aus einem Munde sagten: „Bis heute Abend, dann kommen wir wieder!“

Nun, ich werde mir gut überlegen, ob ich heute Abend zuhause bin und wenn ja, weiß ich noch nicht, ob ich die Tür öffne, wenn es klopft.

 


 

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Veröffentlicht in Seelen-Märchen

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syntaxia 06/07/2014 11:58

Wie sinnig du es auf den Punkt gebracht hast, dass wir entscheiden können, ob wir die Tür öffnen oder nicht.
Es ist uns ja nichr permanent bewusst, dass wir da ein "Wörtchen" mitzureden haben. Aber auch nicht immer so einfach, die Tür wieder zuzumachen...

..grüßt dich Monika

Schütgens, Angelika (Blaufedermond) 06/09/2014 23:43



Es ist immer wieder schwer sich unseres Mitspracherechts zu erinnern, wenn die Herrschaften bereits auf der Schwelle stehen. Am besten ein Schild an der Tür anbringen auf dem steht: ich bin
ausgewandert.

Liebe Grüße vom Blaufedermond