Lotta und die Angst

Veröffentlicht auf von Blaufedermond

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Lotta und die Angst

 

Seit vielen Jahren wohnte Lotta allein in der kleinen Hütte am Waldrand. Bei ihr ist nur die Angst, aber ein bisschen Gesellschaft braucht schließlich jeder. Lotta reichte die Gesellschaft der Angst, mit ihr hatte sie mehr als genug zu tun.

 

Wenn Lotta morgens aufstand und die Fensterläden öffnen wollte war die Angst längst aufgestanden und rief: "Nein, lass das! Die Sonne könnte uns blenden." Lotta blinzelte zaghaft durch die Ritzen der Fensterläden und schien die Sonne tatsächlich, ließ sie sie zu. Schlurfte Lotta schlaftrunken im Dunkeln in die Küche, um sich einen Kaffee aufzubrühen mahnte die Angst: "Sei vorsichtig, du könntest dich verbrühen!" Lotta war so vorsichtig, dass sie die Finger vom Wasserkessel ließ und statt dessen kaltes Wasser trank. Kam Lotta gar auf die Idee die Tür zu öffnen, um an die Luft zu gehen, verfiel die Angst in kreischende Panik: "Um Himmels willen, bist du verrückt? Wer weiß was da draußen auf dich wartet. Bienen und Mücken die stechen und Krankheiten übertragen, ein vom Wind gelöster Dachziegel der dir auf den Kopf fallen könnte. Von den vielen fremden Menschen die dort draußen herumlaufen will ich gar nicht erst reden. Wer weiß was die im Schilde führen? Dein Leben ist kostbar, riskiere es nicht!" Dermaßen eingeschüchtert nahm Lotta ihre Hand von der Klinke und kehrte ins Wohnzimmer zurück. Die Angst hat Recht, dachte sie bei sich. Was soll ich mein Leben riskieren. Ich bleibe lieber hier. Hier kann mir nichts geschehen, hier bin ich sicher. Lotta setzte sich vor den Fernseher und genoss die bunten Bilder der Welt im Flimmerkasten oder sie träumte sich ihre eigenen Fantasiegeschichten zurecht, die die Angst dann in spannende und aufregende Horrorgeschichten verwandelte. So hatten die Beiden ihren ganz eigenen Spaß. Manchmal erfand die Angst solch wilde Gruselgeschichten, dass Lotta darüber schmunzeln musste, weil sie zu absurd waren. Aber es gab auch Tage da wollte Lotta der Angst beweisen, dass das Leben gar nicht so gefährlich ist. Zwar endet es immer mit dem Tod, aber das würde es auch, wenn sie auf ewig hier im Sessel sitzen bliebe. Irgendwie fand Lotta es inzwischen auch bequem auf die Angst zu hören. Etwas Wahres war dran an dem was die Angst ihr mahnend zuflüsterte.

 

Eines Tages störte beharrliches Klopfen an der Tür die Ruhe des Alltags. "Hallo! Ist wer zu Hause?" "Ja!", rief Lotta und ging zur Tür. Bevor sie öffnen könnte war die Angst zur Stelle und warnte sie: "Mach nicht auf! Wer weiß wer das ist? Ein Gauner, Dieb oder gar ein Mörder!" Lotta zögerte. "Warum machst du mir nicht auf?" fragte die fremde Stimme. "Weil wir uns fürchten! Wir kennen dich nicht!", erwiderte Lotta. "Öffne die Tür und wir können uns kennenlernen. Ich bin die Neugier. Ich muss wissen wer hier wohnt! Wer ist denn wir? Du bist nicht allein!?" "Nein, ich bin nicht alleine!" sagte Lotta bestimmt. "Die Angst ist bei mir und sie weiß jederzeit was zu tun ist!" "Das ist gut, dass die Angst bei dir wohnt, aber jetzt lass mich ein. Ich möchte mit euch Beiden reden. Ich muss wissen wie es im Dunkeln ist, schließlich bin ich die Neugier!" Ganz vorsichtig und nur unter erheblichem Protest der Angst, öffnete Lotta die Tür einen winzigen Spalt. Sie hatte unterschätzt wie wendig und geschickt die Neugier war, um Wissen zu sammeln. Sobald die Tür einen Zentimeter aufging schlüpfte sie hindurch. Es war erstaunlich wie viel Dinge die Neugier durch die schmale Türritze in die Stube brachte. Ein Schwall wohlriechender Frühlingsluft durchströmte das Zimmer. Die Neugier streckt Lotta einen Minzezweig entgegen und bat: "Machst du mir davon bitte einen Tee?" Reflexartig nahm Lotta den Zweig entgegen und eh sie sich versah war die Neugier in der Küche und hielt Ausschau nach dem Wasserkessel. Lotta folgte ihr und die Angst folgte Lotta. Sie flüsterte: "Pass auf! Wer weiß, ob das Minze ist? Möglicherweise ist es verunreinigt. Verbrühe dich nicht. Überlege dir gut was du tust! Trink nur nichts davon." Langsam wurde Lotta ärgerlich, auch wenn die Angst nun schon lange bei ihr wohnte und sich das Recht erworben hatte sich überall einzumischen. Immerhin war das noch ihr Haus und einen Gast zu beherbergen konnte so schrecklich schlimm nicht sein. Der Minzzweig duftete gut und fühlte sich fest und gleichzeitig zart an. Lange schon hatte sie keine Pflanze mehr in der Hand gehabt. Sehr vorsichtig kochte sie das Wasser, überbrühte die Minzblätter und ein verführerischer Duft zog durch die Zimmer des Hauses. "Warum öffnest du die Fenster nicht? Es ist herrlich draußen. Lass mich sehen wie du wohnst. Ich kann nichts erkennen so düster ist es hier!", flötete die Neugier verführerisch. "Die Sonne könnte mich blenden und mir die Haut verbrennen!" gab Lotta zu bedenken. "Ach, papperlapapp. Lass Licht herein und die wunderbare laue Frühlingsluft! Ich muss wissen, ob man die Vögel auch hier drinnen hören kann." Lotta nahm für die Gastfreundschaft all ihren Mut zusammen und öffnete langsam einen Rollladen und einen Fensterflügel. Ein langer Lichtstrahl erstreckte sich bis in die hinterste Ecke des Raumes. Abermillionen von winzigen Staubpartikeln tanzten auf ihm wie junge frischgeschlüpfte Mücken auf ihrem Jungfernflug in der Abendsonne. So ein Schauspiel hatte Lotta schon lange nicht mehr gesehen. Sie trat ans Fenster und schaute hinaus. Tief sog sie die würzige Luft ein, hörte berauscht dem Vogelkonzert zu und war ergriffen von der wilden bunten Schönheit in der sich ihr zu lange vernachlässigter Garten zeigte. Die fortwährend tuschelnde Angst nahm sie gar nicht wahr, so überwältigt war sie. Die Neugier stand hinter ihr und lächelte still. Farbenprächtige Schmetterlinge taumelten über die bunte Blumenwiese und die Bienen ließen die Blütenköpfchen wippen und läuteten die Glockenblumen. Lotta war wie betäubt von der Vielfalt der Eindrücke und sie spürte wie die Neugier Raum für sich beanspruchte. Sie machte sich breiter und breiter, je länger Lotta sich dem Sinnestaumel ergab. 1000 Fragen pflanzte sie in ihrem Geist. Stark war die Neugier und mutig. Die Angst spürte die Dominanz des Eindringlings und sie sah ihren Einfluss schwinden. Sie mahnte und warnte, doch Lotta hatte das Gefühl endlich aufzuwachen. Sie hatte genug vom Dunkel, von all der Düsternis. In ihr regte sich Lebendigkeit, Wissbegierde und auch ein winziges bisschen Mut all den Gefahren die dort draußen auf sie lauern mochten tapfer zu begegnen. Lotta bat die Neugier noch ein bisschen zu bleiben und ihr von der Welt da draußen zu erzählen. Seit diesem Tag wohnen die Drei einträchtig zusammen. Sie sind ein gutes Trio geworden. Die Neugier hat die Ideen, die Angst prüft sie auf Machbarkeit und Lotta trifft die Entscheidungen nachdem sie alle Argumente angehört hat. Das kleine Haus ist jetzt hell und einladend, der Garten ein Quell der Freude und das perlende Lachen Lottas klingt mit den Vogelstimmen um die Wette.

Längst ist die Zeit der Finsternis Vergangenheit, weil Lotta den Mut hatte die Neugier einzulassen.

Veröffentlicht in Seelen-Märchen

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Michael Roschke 07/22/2012 18:08

Liebe Szintilla!

Wunderbare Geschichte, klasse geschrieben! Zunächst dachte ich: 'Oh, ziemlich viel Text, wollte ja eigentlich nur mal kurz reinschlinsen und hab ja draußen auf'm Grundstück was zu tun' - aber dann
konnte ich nicht zu lesen aufhören und verschlang die Zeilen(mit Genuß)weiter bis zum letzten Buchstaben.

Lieben Gruß und schönen Sonntag: Micha

Blaufedermond 07/22/2012 22:37



Lieber Micha,


ich freu mich, dass du "kleben geblieben" bist, das zeigt mir, dass die Geschichte zu fesseln vermag. Danke fürs Feedback und für die mail.


Ich wünsch dir einen guten Wochenstart.



Dina 07/21/2012 02:46

Danke für die schöne Geschichte.

Fühle mich zu tiefst berührt,

Dina

Blaufedermond 07/21/2012 12:03



Danke für das schöne Feedback.


Wenn die Geschichte es schafft zu berühren ist sie richtig.


Liebe Grüße, Szintilla



Sichtwiese 07/18/2012 00:50

Liebe Blaufedermond,
Lotta und die Angst ist eine wundervolle Geschichte, berührend und tief.
Liebe Abendgrüsse, Sichtwiese

Blaufedermond 07/18/2012 09:34



Liebe Sichtwiese,


um das Leben zu erleben hilft es nicht das Leben zu vermeiden, aber nachdem Anna drauf gekommen ist, dass das Leben grundsätzlich lebensgefährlich ist und immer mit dem Tod endet, darf sie sich
auch erlauben es zu leben. Alles eine Frage der Erkenntnisse.


Dankeschön für dein Feedback zur Geschichte.


Liebe Grüße, Blaufedermond