Nur der Hund ...

Veröffentlicht auf von Blaufedermond

Aus dem Leben eines Streuners ...

 

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Nur der Hund ...

 

Gelegentlich riskiere ich mal einen Blick hoch zu den Menschen, die eilig an mir vorbei hetzen. Zu mir herunter schauen nur Wenige. Ich bin es gewohnt missachtet zu werden. Wer hat schon Mitgefühl mit einem herrenlosen Köter? Streunenden Hunden wirft man allenfalls einen abgenagten Knochen zum Fraß vor.

Lange bin ich herumgeirrt, lief mir die Pfoten platt, wurde getreten, weggebissen, verscheucht, geprügelt und gejagt. Ich trug Wunden davon, tiefe Wunden die verheilten, aber auch unsichtbare die unter dem Fell verborgen liegen, aber immer wieder aufbrechen, wenn sich Situationen gleichen. Ich habe genug davon, trotzdem bin ich immer noch ein Streuner im Herzen. Das Einzige, dass mich inzwischen von den anderen Streunern unterscheidet ist: Ich streune nicht mehr! Ich bin sesshaft geworden, obwohl ich nirgendwohin gehöre. Aber ich habe einen Platz im Leben gefunden.

Hier vor der Tür herum liegen, nur um darauf zu warten, dass sich die Tür öffnet, bestimmt den größten Teil meines Tages. Die Hoffnung auf ein für mich abfallendes Bröckchen, von denen die im Überfluss leben, lässt mich bleiben. Das war nicht immer so, aber jetzt bin ich alt geworden, zu müde für Abenteuer. Trotzdem fühle ich mich hin- und hergerissen zwischen Bleiben und Gehen. Das wenige Futter hier ist mir sicher, dies hat mich die Erfahrung von vielen vergangenen Wochen gelehrt. Immer wieder gibt es einen Knochen, eine Streicheleinheit, ein liebes Wort. In diesen Momenten ist es leicht mir vorzustellen, dass ich dazugehöre, dass dies meine Familie ist. Dass es mir gut geht und ich nur hier draußen liege, weil ich mir die Sonne auf den Pelz brennen lassen will. Immer dann, in den wenigen glücklichen Momenten, geht es mir gut, richtig gut. So gut, dass ich nicht weg will. Aber es gibt auch die anderen Zeiten ...

Schlechtwetterzeiten. Wenn es stürmt oder hagelt und dunkle Wolken tief hängen liege ich ebenfalls hier draußen. Das Wasser tropft an meinem Fell herunter. Gelegentlich schüttele ich mich, damit das viele Wasser nicht bis zur Haut durchdringt. Manchmal, wenn ich Glück habe, liegt irgendwo ein wurmstichiges Fass herum, ein stabiler Karton, ein altes Wellblech oder schlecht gestapeltes Holz unter das ich kriechen kann und mir ein bisschen Schutz bietet.

Die Menschen drinnen sind beschäftigt, zu beschäftigt um an mich zu denken. Sie haben ihre Arbeit, ihre Familie, ihre Hobbies und was es sonst noch zu tun oder zu bedenken gilt. An mich denken sie nicht oder doch, vielleicht in wenigen Momenten. Wenn es gar zu sehr schüttet oder bitterkalt ist, dann drückt sie vielleicht so etwas wie ein schlechtes Gewissen und es gibt ein Almosen, ein Zusatz-Knöchelchen oder auch eine Plastikplane. Manchmal erreiche ich sie durch mein Bellen oder Winseln, dann öffnet sich die Tür einen Spaltbreit und jemand wirft etwas hinaus, aber die dunklen nassen Wolken bleiben. Das sind die Zeiten in denen sich ein ehemaliger Streuner wie ich erlaubt zu weinen, denn jetzt sieht es niemand. Die Tränen vermischen sich mit den Regentropfen. Ich blinzle sie weg, ab und zu. Die Menschen sehen sie nicht und das ist gut so. Niemand soll sehen, dass ich leide. Stolz ist das Einzige, dass mir im Alter geblieben ist nach diesem langen, elenden Streunerleben. Aber auch Hunde haben Träume. Träume von warmen Plätzen, einem lieben Wort, einer Geste des Wohlwollens und den Traum eines vollen Bauches oder eines übermütigen Spiels. Manchmal denke ich daran weiterzuziehen, um vielleicht einen noch besseren Platz zu finden, einen wo zu dem abgenagten Knochen vielleicht ein festes Dach gehört unter das ich kriechen kann und ein Freund, ein Beschützer im Alter. Ein bisschen Schutz, vor dem dunklen Wetter des Lebens, würde mir das Alter erleichtern, den müden Knochen, die sich nicht mehr gern erheben mögen die trüben Tage versüßen. Der Weg ins Ungewisse ist mir zu beschwerlich geworden, deshalb bleibe ich und genieße das Wenige von dem ich weiß, dass es mir hier sicher ist. Es reicht zum Überleben bis zum Ableben ... - ein bisschen Bequemlichkeit für mich ...

 

Aber ich bin nur der Hund – der Hund draußen vor der Tür.

 

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© AS 2012 (Blaufedermond)

 

 

 

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Brigitte 04/13/2012 15:17

Da hast du wohl recht! Leider.

Brigitte 04/12/2012 19:25

Sehr berührend geschrieben. Das könnte von Barbarossa, dem roten Kater, sein. Aber, der ist kein Hund. Doch angewiesen auf Futter vor meiner Tür. Im Winter, wenn es sehr kalt ist, dann kommt er
sogar rein. Er ist ein freier Kater, schwer zugänglich. Nur wir haben den Zugang zu ihm geschafft. Erst heute morgen hat ihm der Signore eine megadicke Zecke herausgedreht.

Wenn er wollte, dürfte er auch reinkommen. Aber, er ist noch jung und möchte frei sein.

Ich will gar nicht wissen, wie viele ausgesetzte Tiere draußen herumstreunen müssen. Da weiß ich genug von Sizilien. Da ziehen sie immer umher.

Lieben Gruß, Brigitte

Blaufedermond 04/12/2012 19:42



Der kleine Kerl auf den Foto stromerte vor Jahrzehnten auf Lanzarote herum. Dort gab es auch einen sehr alten Hund der immerzu vor einem Geschäft lag, kaum noch
gehen konnte und darauf wartet, dass jemand ihm etwas zu fressen brachte. An den dachte ich bei dieser Erzählung.


Aber sie erscheint mir auch gut als Gleichnis wie wir mit manchen Menschen umgehen.


Liebe Grüße, Angelika