Schattentänze

Veröffentlicht auf von A.Schütgens

[...] Schon lange bewegte sich Anna-Lena im Schatten. So lange, dass sie fast nicht mehr wusste wie Licht aussah oder was es bedeutete zu leben. Es war nicht so, dass sie in ihrem Schattendasein keine Sonne sah, keine Freude empfand oder sich langweilte. Nein, Anna-Lena führte ein ganz normales Leben, das Arbeit, Freizeit und auch Hobby beinhaltete und trotzdem tanzte sie nicht. Und wenn sie es tat, dann nur im Schatten und zum Klang ihrer Träume.

Anna-Lena seufzte und murmelte: "Wann ist endlich Schluss damit?" Sie hatte sich immer noch nicht angefreundet mit ihrer Lebenssituation und würde es auch wohl nie tun. Zwischen dem was sie sich wünschte und dem was sie konnte klaffte ein riesiges dunkles schwarzes Loch. Alles saugte es ein und nährte sich davon. Jede Idee einer Handlung wurde so schnell verschlungen wie sie geboren wurde. Der Radius in dem sie sich bewegen konnte war eng begrenzt.

Nervös wanderte sie den Flur ihrer Wohnung auf und ab, drehte und wendete Gedankenfetzen, sortierte, ordnete, verwarf und war am Ende ihres Denkens wieder am Anfang. Überall begegnete sie ihrem Spiegelbild, in der Glasscheibe, dem Flurspiegel, der auf hochglanzpolierten Schrankwand. Ihr Hin- und Her-gerenne täuschte Leben vor, Bewegung und doch führte sie Selbstgespräche und fühlte sich gelähmt, gefesselt und angekettet. Wenn jemand wusste wie es war mit einer Seelenlast zu leben dann sie. "Heißt es nicht, wem das Herz voll ist, dem geht der Mund über?" fragte sie sich halblaut, als hätte sie Angst ihre eigene Stimme in der Stille zu hören. Nachdem sie glaubte genug gelaufen zu sein, um einige Zeit im Sitzen Ruhe zu finden, zog sie ein Buch mit Lebensweisheiten aus dem Regal und begann zu darin blättern. Das tat sie oft, denn sie mochte es wichtige Lebenserkenntnisse kurz und knapp auf den Punkt gebracht zu lesen. Manchmal erreichte ein Zitat ihr Herz und ihre Seele im richtigen Augenblick. So war es auch dieses Mal. Ihre Augen klebten an einem Zitat. Ihr Verstand wollte es nicht verstehen, pflückte es auseinander, aber ihr Herz hatte es längst als richtig erkannt. Sie las es mehrere Male laut vor, um es besser zu begreifen:

"Zwischen Zufall und Notwendigkeit gibt es ein Wechselspiel. Der Zufall ist die Form, in der sich das Notwendige durchsetzt." Von Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831) Begründer der dialektischen Logik (spekulative Philosophie)."

Nachdem sie es sich mehrfach vorgebetet und in sich aufgenommen hatte, wurde ihr die Bedeutung schlagartig klar. "Es gibt keine Zufälle - alles macht Sinn und alles, dass sich je im Leben ereignet, muss oder soll so geschehen, damit es auf ein bestimmtes Ziel hinausläuft. Es kam immer wie es kommen sollte. Wenn das so ist", fragte sie sich weiter, "über wie viel freien Willen verfügen wir Menschen dann?" Bei dem Gedanken erschauerte sie. War es egal, was man tat? Würde sich die Notwendigkeit einen Zufall suchen, um das Schicksal zu besiegeln? Und wenn man etwas tat, dass man bisher vermied, war es dann nur vorbestimmtes Schicksal, dass sich den Weg zur Erfüllung suchte oder war es eigener Willen der das Schicksal veränderte? Würde dann nicht ein anderer Zufall die Notwendigkeit einer vorherbestimmten Balance alles wieder ausgleichen? Sind wir selbstbestimmte Wesen oder sind wir am Ende nur Marionetten an Fäden die wer weiß wer steuerte?

Anna-Lena schwirrten die Gedanken im Kopf herum. Sie legte das Buch zur Seite und nahm ihre ruhelose Wanderung wieder auf. "Eines Tages", dachte sie, "werde ich dieses Dunkel verlassen, mit dieser Schattenkreistanzerei aufhören und leben." Die Frage die sich ihr stellte war nun nur noch eine: "Sollte sie warten bis die Notwendigkeit sich den Zufall zur Hilfe holte oder dem Zufall auf die Sprünge helfen und dann schauen was die Notwendigkeit daraus machte?" Bis sie diese Frage für sich geklärt hatte würde sie noch eine Weile brauchen, es sei denn der Zufall oder die Notwendigkeit spazierte plötzlich durch die Tür. Egal was oder wer, aber es musste etwas durch die Tür kommen, um Licht ins Dunkel zu bringen. [...]

 

© AS 8/ 2009

 

 

Veröffentlicht in Kurztexte

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