Scheinwelt

Veröffentlicht auf von Blaufedermond

 

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Scheinwelt

 

Vor endlos langer Zeit lebte ein Mädchen namens Melinda glücklich und zufrieden in einem kleinen Dorf. Tag für Tag floss die Zeit dahin und die Stunden des Tages waren angefüllt mit immer wiederkehrenden Tätigkeiten. Sie wusste nichts von einem anderen Leben und vermisste es auch nicht.

  

Manchmal verließ Einer oder Eine das Dorf und man sah sie oder ihn nie wieder. So hielt sich das Gerücht, dass die Welt außerhalb des Dorfes feindlich und gefährlich wäre. Noch nie aber war jemand Fremdes in dieses Dorf gekommen, um von der Welt da draußen zu erzählen.

 

Melinda saß oft und gerne nach getaner Arbeit auf einem Hügel unter einem Apfelbaum und sah in die Weite. Sie liebte diesen endlosen Blick ohne Grenzen. Die satten, grünen Wiesen mit leuchtend gelbem Löwenzahn, die sich vor ihr erstreckten, das in der Ferne wabernde Blau des Ozeans, das mit dem Himmel zu verschmelzen schien. Sie sah den Ozean aber noch nie aus der Nähe, denn er lag weit hinter den Dorfgrenzen und war verbotenes Terrain. Die Alten erzählten manchmal von ihren Vorfahren, die sich noch über die Grenzen hinaustrauten und auch von ihren Reisen wiederkehrten. Irgendwann musste etwas Schreckliches geschehen sein, so dass beschlossen wurde das Dorf nicht mehr zu verlassen. Melinda war herangewachsen mit einer unbestimmten, aber nicht fassbaren Furcht vor der unbekannten feindlichen Welt da draußen.

  

Gelegentlich erdrückte sie eine unbestimmte Sehnsucht. Sie wollte wissen wie der Ozean war, wie er aussah, sich anfühlte, wie die Luft roch, was sie fühlen würde, aber dann wich diese namenlose Sehnsucht einem Gefühl der Sicherheit und der Geborgenheit und sie schalt sich selbst, dass sie hin und wieder so unzufrieden und so undankbar war.

 

Was sollte das? Sie hatte alles was sie sich wünschen konnte, nette Menschen um sie herum die sie liebten, eine erfüllende Tätigkeit, satt zu essen, ein Dach über dem Kopf, nie Langeweile, wenn sie sie nicht spüren wollte und doch glaubte sie manchmal es fehle ihr etwas. Schnell verflüchtigte sich dieses Gefühl wieder und sie lief singend ins Dorf zurück, um ihre Furcht nicht zu spüren.

 

Wenn man singt vergeht die Furcht, wisst ihr das? Und wenn man nur laut genug singt, hört man die innere Stimme nicht die da ruft: "Schau genau hin! Hör dir zu! Willst du es nicht sehen, dass etwas nicht in Ordnung ist? Willst du es nicht hören, dass etwas nicht stimmt?" Wenn man nur laut genug singt und hüpft und die Augen fest genug schließt, dann hört man sich nicht, dann fühlt man sich nicht und man sieht sich nicht.

 

Was, fragst du ist es, dass man nicht fühlt, denn man fühlt doch, wenn man hüpft.

Was, fragst du ist es, dass man nicht hört, denn man hört doch wenn man singt. 

Was, fragst du jetzt, was ist es, dass man nicht sieht?

 

Ja, man fühlt etwas wenn man hüpft und man hört sich selbst laut singen, aber man sieht die Herzensbilder nicht, wenn man die Augen vor ihnen fest verschließt. Man hört die leise Stimme des Herzens und das zarte Stimmchen der Seele nicht. Und man fühlt den feinen Stich der Sehnsucht nicht, wenn man nur fest genug stampft. Nur, wenn du ganz still bist, ganz leise in dich hineinhörst, dann hörst du sie weinen oder vielleicht flehen. Manchmal hört man die inneren Stimmen sogar vor Schmerz schreien. Dann hörst du deine Gefühle, spürst deine Sehnsüchte und siehst die Bilder die du erträumst. Sie rufen und klagen ihr Weh nur leise in deine Scheinwelt hinein. Es macht dir Angst auf sie zu hören, ihnen zuzuhören, denn manchmal zeigen sie dir auch Wege der Finsternis und der Dunkelheit die du  gehen sollst. Es macht dir Angst, weil es oft steinige, holprige Wege sind die sie von uns verlangen. Weil sie uns durch Dornengestrüpp zu treiben scheinen und wer mag sich schon freiwillig schinden? Das Außergewöhnliche aber geschieht nicht auf geraden Wegen. Das Besondere findest du nicht am Wegesrand, du musst dich schon ein wenig bemühen.

 

So erging es auch Melinda, sie wusste, dass in ihr etwas rief, aber sie wollte nicht hören, weil sie sich fürchtete. Sie fürchtete auf Ablehnung zu stoßen, wenn sie den anderen davon erzählte. Sie fürchtete ausgestoßen zu werden. Sie fürchtete für verrückt gehalten zu werden und sie fürchtete sich davor vertrieben zu werden. Was aber sollte sie allein tun? Ohne die Menschen die ihr lieb und teuer waren, ohne die Arbeit, ohne ihr Zuhause. Wohin sollte sie gehen, wenn die anderen sie verhöhnten, verlachten, verspotteten? Sie hatte große Furcht vor der Einsamkeit, dem Alleinsein. Nein, sie fürchtete sich viel zu sehr, als dass sie auf ihre Sehnsucht hören wollte. So sang sie noch lauter und hüpfte und rannte ins Dorf zurück. Sie vertrieb die Gedanken an den Ozean, der sie lockte,aber sie wusste es gibt ihn und sie sah ihn sich an. Immer aus der Ferne.

 

So saß sie eines Tages wieder unter ihrem Apfelbaum und träumte vor sich hin. Sie sang nicht und sie hüpfte nicht, sondern sie schaute leise lauschend, aufmerksam auf das Meer. Die Sonne glitzerte und ihr Licht brach sich in tausend kleinen funkelnden Sternen auf der Oberfläche, der aus der Ferne nur zu ahnenden Wellen. Ohne dass sie es wollte lösten sich ein paar Tränen aus ihren Augen und schwemmten etwas fort. Noch wusste sie nicht was es war. Still ließ sie diesen Tränen ihren Lauf. Mehr und mehr rollten sie den Hügel hinab, magisch angezogen von dem großen Ozean. Die Sonne spielte mit ihnen und zauberte viele Farben aus ihnen hervor. Gebannt verfolgte Melinda das wunderbare Schauspiel des sich bildenden Regenbogens. Aus der kleinen Tränenpfütze, die sich zu ihren Füßen gebildet hatte, erstreckte sich ein wunderbar leuchtender Bogen bis zum Horizont. Er mündete mitten im Meer, ein Bogen aus weggeschwemmter Furcht und Angst. Die verbindende Brücke zu ihrer Sehnsucht spannte sich weit über ihre Welt hinaus.

 

Ohne an ihre Furcht zu denken lief Melinda los. Zuerst vorsichtig, zögernd, aber stetig Fuß vor Fuß setzend erklomm sie den Regenbogen. Mit jedem Schritt fühlte sie sich leichter, beschwingter und freier. Sie lief und lief, keine Gedanken mehr an Angst, keine Furcht, nur Freude, stille Freude und tiefes Wissen war in ihr.

 

Sie wusste, dass sie etwas sehr Vertrautes, Sicheres hinter sich gelassen hatte und sie wusste sie würde in diese Welt, in ihr kleines Geborgenheit und Schutz bietendes Dorf niemals zurückkehren können. Sie wusste aber, so leicht dieser Weg, der jetzt vor ihr lag auch aussah, es war der Weg der Dornen, der Weg der Farben, der Weg der Höhen und der Tiefen. Es war der Weg zu mehr, zum Meer, das nicht nur glatt und friedlich war, das auch brausen und toben konnte. Doch es war genau das was sie wollte.

 

Sie hörte ihr Herz und sie hörte ihre Seele und sie spürte ihre Gefühle, ihre Angst, die Furcht, die Traurigkeit, die Sehnsucht, die Liebe, die Hoffnung, den Mut, die Verzweiflung, die Hilflosigkeit. Sie sah ihre Träume, ihre Visionen, ihre Wunschbilder und sie war sich sicher, was immer der Weg ihr bringen mochte, Blasen an den Füßen, Strecken von quälendem Hunger und Durst, sengende Sonne, die sie austrocknete oder herabstürzende Wassermassen, die versuchten sie zu ertränken, sie würde unbeirrbar weitergehen, denn sie wusste nur dieser Weg war ihr Weg.

 

Ihr Weg zur Erfüllung ihrer Träume, zur Erfüllung ihrer Sehnsucht. Sie wusste ihre Seele würde singen und ihr Herz würde endlich lachen, wenn sie dem Menschen begegnete der dort losgelaufen war wo ihr Regenbogen endete und seiner begann.

 

Sie wusste, sie würde nicht allein sein sein, wenn sie von oben auf den Ozean herabblicken würde. Sie würde fliegen, gemeinsam fliegen mit dem Engel ihrer Sehnsucht und abtauchen in ein Meer aus Farben, schillernd, strahlend, lebendig.

 

So verschwand auch Melinda aus dem Dorf. Sie war eine von denen die nicht wiederkehrten, die nicht berichteten konnten wie es ihnen ergangen war. So tanzten, lachten und hüpften die zurückgebliebenen Dorfbewohner noch ein bisschen wilder, lauter und fester, um sich nicht zu spüren, um sich nicht zu fühlen und um nichts sehen zu müssen. Sie hören solange nicht die Stimmen ihrer Herzen und das Wehklagen ihrer Seele, bis auch sie eines Tages, den Beginn des Regenbogens vor ihren Füßen entstehen sehen. Erst dann werden sie sich trauen, den Mut haben und auf den Farben des Himmels tanzen. Erst dann werden sie sich leicht fühlen und das Fliegen lernen. Einige vielleicht spät, manche vielleicht nie und manch einer vielleicht schon morgen.

 

Diese kleine Dorf ist überall. Jeder hat sein eigenes Dorf in sich, seine eigenen Grenzen, seinen eigenen Hügel und vielleicht einen Apfelbaum und einen Regenbogen.

 

 

© AS 2005/Blaufedermond-2012

 

Veröffentlicht in Seelen-Märchen

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Irgendlink 10/21/2012 10:29

Eine schöne Parabel. Den Wassern zu folgen hat etwas Befreiendes dass es mit den Tränen beginnt, finde ich hast du, prima entdeckt. Die Träne als Quelle. Der Fluss, der in einem selbst entspringt.

Blaufedermond 10/21/2012 12:05



Dankeschön.


Du hast den Kern der Geschichte gut auf den Punkt gebracht. :-)