Zeitlöcher verschenken

Veröffentlicht auf von Schütgens, Angelika (Blaufedermond)

Zeit ist ein viel beschriebenes Thema in unserer Zeit. Sie fehlt hier und da, verrinnt wie im Flug. Sie scheint nicht vergehen zu wollen, wenn wir in ungeliebten Situationen feststecken oder uns langweilen oder aber sie geht uns irgendwie verloren. Einerseits kann dies geschehen, in dem sie uns fast gestohlen wird - dort wo wir beispielsweise ungewollt warten müssen - in langen Kundenschlangen an den Kassen der Konsumtempeln, andrerseits können wir sie vertrödeln, bewusst oder unbewusst. Wobei beim bewussten Vertrödeln, wir nicht von verlorengegangener Zeit reden dürfen. Jeder kann genau nachvollziehen, wo er das Gefühl hat, dass ihm Zeit abhanden gekommen ist.

Aber wir können auch Zeit schöpfen, mehr aus ihr machen, als sie gemeinhin beinhalten soll. Wir fahren einkaufen und nutzen die Gelegenheit einen kurzen Spaziergang anzuhängen, wir haben einen beruflichen Termin und setzen uns danach eine Viertelstunde auf eine Parkbank und hören dem Vogelgezwitscher zu. Überall lassen sich im normalen Tagesablauf diese kleinen Zeitlöcher finden, die wir ganz egoistisch für unsere ureigenen Zwecke nutzen können, um aufzutanken, durchzuatmen. Wir müssen sie uns nur gestatten, wir müssen uns diese Zeit nehmen. Bestenfalls schenken und teilen wir diese geschöpfte Zeit mit den Menschen, die wir lieben. Obwohl nicht die Quantität der gemeinsam verbrachten Zeit von Bedeutung ist, sondern die Qualität, ist jede zusätzliche Zeit ein Gewinn, eine Bereicherung. Kleine Gesten, Umarmungen, gemeinsames Lachen, die Freude einander zu begegnen, Sehnsüchte zu stillen, Wertschätzung zu erhalten, Liebe zu erfahren, ist viel mehr wert als Pflichterfüllung leben. Das alles braucht nicht viel Zeit (allerdings je mehr desto besser), nur die Fähigkeit der kreativen Zeitschöpfung und bewusst gesetzter Prioritäten. Manchmal reichen schon ein paar solcher Minuten um tiefe Dankbarkeit zu spüren, auch wenn sonst nicht alles perfekt ist. Aber was nicht ist, kann ja noch werden.

 

Veröffentlicht in Kurztexte

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